Das Pustertal - eine klare 11 von 10
- carolinbiermann
- 7. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Aug.
Glossar für „Nicht-Paraglider“ am Ende des Berichts
Sightseeing-Fahrt entlang der Dolomiten:
Nach der ereignisreichen Woche in Slowenien geht es weiter nach Österreich. Rund 215km ist das kleine Örtchen Sillian (Pustertal) entfernt von Adergas (SLO). Ohne mein Paragliding Hobby und den Tipp eines Fluglehrers wäre ich wohl nie auf diese Traumregion gekommen. Alleine die Fahrt hierher ist schon Sightseeing für sich. An den Dolomiten entlang, die Berge im Blick, rein in das saftige grüne Tal mit seinen liebevoll dekorierten Tiroler Hütten. Alles sieht aus wie auf einer Postkarte - atemberaubend! Am Fahrstil der Autos erkennt man eindeutig wer local ist und schon 1000 mal das Panorama genossen hat, und wer Reisender ist und so einen Blick nur selten zu Gesicht bekommt :D Die einen rasen, die anderen halten sich bestenfalls an die Geschwindigkeitsbegrenzung.
Sillian Erkundungstour:
Nach dem Check-in im Hotel kundschafte ich erstmal die Nachbarschaft aus. Mit Begeisterung stelle ich fest, dass der Waffelfabrikant Loacker im Nachbarort stationiert ist, und nachdem eine ordentliche Portion Süßes in mir verschwunden ist, gehe ich eine Runde Joggen, um wieder Gleichgewicht herzustellen. Schon faszinierend - wenn man in Düsseldorf 6km joggen geht, hat man den Eindruck viel von der Stadt gesehen und folglich eine ordentliche Distanz zurückgelegt zu haben. Wenn man im Pustertal 6km läuft, hat man den Eindruck kaum vorwärts gekommen zu sein. Alles ist so wahnsinnig weitläufig, die Berge riesig und man fühlt sich ganz klein. Aber irgendwie auf schöne Art und Weise.
Wetter- und Gruppen- Prognose:
Das Wetter für die Woche sieht bescheiden aus. Einige in der Gruppe haben sogar überlegt, ob es sich überhaupt lohnt anzureisen. Doch mit unserem Pustertal Experten und Fluglehrer Hannes an der Seite, kommen wir jeden Tag in die Luft :)
In der Gruppe sind wir 8 Teilnehmer. Die meisten von uns sind hier um ihren XC Streckenflug für die B-Lizenz zu absolvieren (Ich auch!). Einige sind aber auch einfach wegen des schönen Fluggebiets nochmal hier. Sozusagen Wiederholungstäter :). Ein Teil von uns wohnt im Hotel, ein anderer auf dem Camping Platz, was die Team-Bildung am Anfang etwas erschwert. Über die Woche hinweg - beladen mit tollen Flügen, Eindrücken und einigen Landebieren - sind wir aber super zusammengewachsen, was bei so einem Urlaub schon auch viel ausmacht.
Warmfliegen auf 1.500m:
An Tag 1 starten wir vom Startplatz Stalpe - ein etwas gewöhnungsbedürftiger Startplatz, da er quasi mitten auf einer Kuhwiese liegt (oder zumindest angrenzt), kurz und steil ist. Die Kühe direkt vor meiner Nase irritieren mich doch sehr und nehmen mir nicht gerade die Nervosität am neuen Startplatz. Doch am Ende geht alles gut und wir haben ein paar schöne Abgleiter. Da wir hier auf alpiner Höhe sind, sind die Startplätze locker auf 1.500m bis 2.000m, wobei es gar nicht so aussieht, da einfach alles hochgelegen ist. Jedenfalls gutes Höhentraining.
Auf zum Kronplatz! Der Flug der Flüge steht bevor :)
Mittwoch ist es dann soweit: der Himmel reißt auf, der Wind macht mit und wir fahren zum Kronplatz, rüber nach Italien. Mit der Gondel geht es hinauf zum Startplatz auf 2.270m. Die Aussicht ist wunderschön und der Startplatz ist sehr großzügig angelegt, wodurch sich bei mir eher positive Aufregung als Nervosität einstellt. Hier oben ist die Temperatur bei knapp 3Grad, d.h. Ich schichte so ziemlich alles übereinander, was ich mitgenommen habe. Zumal das Ziel ja ist, noch mal deutlich an Höhe beim Fliegen zu gewinnen, was noch mehr Kälte bedeutet. Die optimale Flugstrecke, um mind. 15km zu erzielen, hat Hannes mit uns vorher im Unterricht erarbeitet, d.h. Jetzt auf die Thermik fokussieren und den Plan durchziehen. Kurz nach Start Richtung Norden, hab ich super Thermik und fliege die ganze Westflanke entlang. Am Ende des Hangs kommt die Kehrtwende und ich fliege zurück Richtung Osten. Die Wolken fühlen sich zum greifen nah an. Um mich herum sind sonst nur noch zwei Piloten. Oberhalb des Speichersees finde ich einen super Thermikbart und kurbel mich auf 3.150m hoch. In dem Moment hör ich über die Funke das „Go“ von Hannes rauszufliegen, mit Rückenwind in Richtung Sillian. Ein Wahnsinnsgefühl! Ich bin hellwach und fokussiert. Mein Gehirn schüttet eindeutig eine ordentliche Menge Adrenalin aus. Die Endorphine kicken auch ganz gut! Meine Finger sind taub vor Kälte. Meine Funke hat aber eh den Kontakt verloren, somit ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mit den tauben Fingern nix mehr bedienen kann. Nachdem ich halb über ein kleines Tal geflogen bin, biege ich noch mal rechts ab und flieg voll auf das Dolomiten-Panorama zu. Wunderschön! Nach einer Weile geht es einfach immer ostwärts das Tal bzw die Berg-Rippen entlang. Bei Niederdorf lande ich schließlich weich wie eine Pusteblume auf dem Feld eines Bauern ein, praktischerweise direkt gegenüber eines Bahnhofs :) Es ist vollbracht: mit 25km XC Strecke, hab ich das Must-Have von 15km weit übertroffen. Überglücklich mache ich mich noch mal auf den Weg Richtung Bruneck/Seilbahn Kronplatz, um einen weiteren Flug zu machen. Die Tour dauert fast 2 Stunden. Doch vor lauter Aufregung merke ich erst in der Gondel, dass es wohl gar nicht mehr startbar ist und auch alle anderen schon weg sind. Egal, die zusätzliche Bus und Bahntour hat den heutigen Tag nur noch mehr abgerundet. Eine ganz klare 10 von 10! :D was sich dann auch alle im Bus auf dem Weg Richtung Gröberhütte im Detail von mir erzählen lassen mussten :D Auf der Gröberhütte gibt es Abendessen mit Bergblick. Ein super Tag - Das Landebier hat noch nie so gut geschmeckt!
Eine runde Woche:
An den zwei Tagen danach folgen noch weitere tolle Flüge und irre, wechselnde Wetterbedingungen. Immer wieder regnet es aus Wolken heraus und kalte Luft zieht durchs Tal. Doch es ist auch Sonne und blauer Himmel dabei und so konnte ich noch zwei weitere Flüge am Kronplatz machen und einen von Obertilliach aus. Der letzte Kronplatz-Flug wurde zu einem tollen Soaring Flug am späten Nachmittag/Abend, bei dem ich den Berg fast für mich allein hatte.
Samstag Früh habe ich tatsächlich noch nach einer Nachtschicht die Theorieprüfung für die B-Lizenz geschrieben und bestanden und somit tatsächlich alles in der Woche abgeschlossen, was mir noch für die Lizenz gefehlt hat. Ab sofort darf ich also offiziell Strecke fliegen.
Insgesamt war die Woche eine klar 11 von 10 :) Ich hoffe sehr, im kommenden Jahr wieder zum Fliegen hierher kommen zu können.
Auf nach Freystadt:
Nachdem mein Sammelsurium an Gepäck im Auto verstaut ist, mach ich mich auf den Weg nach Freystadt, um Familie zu besuchen. Fünf Stunden Fahrt über kurvige Landstraßen bei heftigem Regen. Wie schade! Die Strecke führt durch Kitzbühel. Da war ich noch nie und hätte gern mal den Mythos mit eigenen Augen begutachtet. Doch bei dem Wetter, war kaum etwas zu sehen.
Was kommt als nächstes:
Es folgen drei Tage in Düsseldorf, um letzte Übergaben zu machen, Wäsche zu waschen und den nächsten Reiseabschnitt vorzubereiten: die Haute Route in der Schweiz. 180km zu Fuß von Zermatt nach Chamonix de Mont Blanc. Stay tuned für den nächsten Reisebericht ;)
Glossar:
Abgleiter: Direktflug vom Start- zum Landeplatz, ohne Höhengewinn. Der Schirm verliert konstant Höhe.
Thermik: Aufsteigende Hitzepakete. Bzw Aufwind, der durch starke Erwärmung des Bodens und der darüberliegenden Luftschicht hervorgerufen wird. Durch Thermik kann man beim Paragliding Höhe gewinnen und länger in der Luft bleiben.
Kurbeln: um optimalen Höhengewinn in der Thermik zu erzielen, dreht man mit dem Schirm Kreise. Dieses Drehen nennt man umgangssprachlich auch "Kurbeln".
Streckenflug: wenn man sich deutlich von Start- und Landeplatzumgebung entfernt und mit dem Schirm eine weitere Distanz fliegt.
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