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Über den Wolken Sloweniens

Aktualisiert: 29. Juli 2025

Glossar für "Nicht-Paraglider" am Ende des Berichts


Intro:

Nach einem Pitstop in Gräfelfing führt mich meine Reise nach Slowenien zum Paragliding. Nach Adergas um genau zu sein. Das kleine Dorf liegt relativ nah an der Österreichischen Grenze, ca. eine Stunde Fahrt ab dem Karawankentunnel. Vor zwei Jahren war ich schon ein mal hier für meine allererste Paragliding Flugreise, abseits der gewohnten „Hausberge“ in Lüsen und auf der Wasserkuppe. Blauäugig wie ich war, erwartete ich damals ein eher raues Umfeld. Was ich stattdessen erlebte, waren saftig grüne Wiesen, wunderschöne Berge, eine beeindruckend sportliche Bevölkerung und vor allem sehr gastfreundliche Menschen. Also einmal die voreingenommenen Bilder löschen und neu alles kodieren. Wieder einmal zeigt sich, dass Reisen nicht nur zur Erholung da ist, sondern auch die Augen öffnet und Klarheit bringt. Übrigens, wusstet ihr, dass das Wort „Balkan“ aus dem bulgarischen kommt und „Gebirge“ heißt? Es macht also alles Sinn :D

 

Slowenien unter Wasser - Flashback zu meiner Reise 2023:

Vor zwei Jahren hatten wir legendäres Unglück mit dem Wetter. Es kam so viel Regen runter, dass die Flüsse über das Ufer traten und Straßen überschwemmt wurden. An dem Berghotel, in dem wir wohnten, schoss über Nacht eine neue Quelle aus dem Berg. Alternativprogramm zur Tropfsteinhöhle musste abgebrochen werden, weil die Straßen schon so unter Wasser waren, dass wir nicht mehr rausgekommen wären. Eine Straße war noch zu befahren. Doch was, wenn diese auch noch überschwemmt sein würde bis wir vom Ausflug zurückkommen?! Das Risiko wollten wir nicht eingehen und zogen uns in unsere Unterkunft zurück, bevor wir dann zwei Tage vor offiziellem Ende der Reise abbrachen und nach Hause fuhren. Die Tatsache, dass die Mitreisenden fast alle Wiederholungstäter waren und teilweise seit 10 Jahren in dieses Fluggebiet kamen, machte mich neugierig. Außerdem waren die Flüge, die wir denn in dieser herausfordernden Woche geschafft haben, wunderschön! Ich wollte Slowenien noch mal von seiner Sonnenseite sehen und so kam es, dass ich diesen Sommer zurückkehrte und mein Sabbatical genau hier startete.

 

Neuer Urlaub, neues Glück. Der Auftakt:

Die Woche beginnt mit Groundhandling. Eine Disziplin, die ich ohne viele Umstände auch mal bei uns im Flachland in Düsseldorf praktizieren könnte. Doch die Arbeit, andere Hobbies und zig weitere Ausreden haben es bisher erfolgreich geschafft, mich davon abzuhalten. Umso besser, dass wir die Flugwoche mit den Basics starten. Der Wind ist recht schwach und so kann ich mich wieder herantasten und brauche keine Angst haben, quer über die Wiese gezogen zu werden, wie es in der Vergangenheit auf der Wasserkuppe passiert ist. Das Warm-up hat auf jeden Fall gut getan und Spaß gemacht.

 

An Tag 2 ist es so weit. Das Wetter spielt mit und wir können unsere ersten Flüge am Gozd machen. Ich liebe das Fluggebiet, da es sich so heimelig anfühlt. Ich kenne Start- und Landeplatz noch von 2023 und so startet es sich gleich viel entspannter. Die Gruppe ist unheimlich nett und rücksichtsvoll. Es bringen auch alle schon gut Erfahrung mit. Dadurch geht das Auslegen und Rausstarten flott und wir nutzen die Zeit so gut wie möglich aus. Thermisch geht heute noch nicht viel und somit bleibt es vorwiegend bei Abgleitern. Aber auch das ist schön nach so langer Flugpause und ich genieße die Zeit in der Luft. Insgesamt schaffe ich sechs Flüge, zwei davon schaffe ich zu verlängern, von 12 Min (Abgleiter) auf 33 Min bzw. 20 Min.

 

Ausflug nach Ost-Slowenien:

Das Wetter an Tag 3 führt uns in den Osten Sloweniens. Dobrovlje hat einen schönen langen Hang, der Richtung Osten ausgerichtet ist und sich auch südlich noch rumzieht. Also prima für den Sonnenverlauf :) Der Startplatz ist relativ klein aber schön und bietet Schatten während der Wartezeiten. Der Landeplatz ist echt klein, aber zum Glück gibt es ein Notfall-Kartoffelfeld, welches ich auch einmal dankend in Anspruch genommen habe :D Von oben hat man einen tollen Blick auf zwei Seen und ein Tal, welches im Norden noch eine Kirche und einen Steinbruch hat, die attraktive Ziele für einen potentiellen Streckenflug sind. Ich schaffe insgesamt drei Flüge. Bei den ersten beiden finde ich richtig schön Thermik und komme weit über Startplatzhöhe - ein großartiger Blick und ein noch viel großartigeres Gefühl. Beim ersten Flug klappt es auf Anhieb und ich hab das Gefühl ganz nah an den Wolken dran zu sein. Vielleicht eine optische Täuschung aber sicherheitshalber hör ich mit dem Kurbeln auf, um ja nicht die Abstandsregeln zu verletzen :) Beim zweiten Flug hab ich erstmal nicht so viel Glück und es sieht stark nach einem Abgleiter aus. Auf dem Weg zum Landeplatz finde ich aber unerwartet noch mal eine Thermikquelle über dem Dorf und kurbel mich fleißig wieder soweit hoch, dass ich mich zum Hang zurückversetzen lassen kann. 1333m ist meine Maximalhöhe für heute. Es war ein toller Tag und ich habe von der Gruppe „die goldene Kurbel“ verliehen bekommen :D Stolz bin ich auch darauf, dass ich in zwei Fällen den kleinen Landeplatz gut getroffen habe - wo ich doch sonst eher „weitläufig“ lande.

 

Highlight-Tag in Kroatien:

Donnerstag war ein absoluter Highlight Tag. Das Wetter in Slowenien wird eher schlechter als besser, also machen wir uns auf den 2,5-Stündigen Weg nach Kroatien! Wer hätte gedacht, dass ich bei meiner eh schon langen Reiseroute noch ein “Bonusland“ on top dazukriege! Allein die Auffahrt zum Startplatz ist die lange Anreise schon wert. Wunderschöne Gebirgslandschaft und Blick aufs Mittelmeer. Oben am Startplatz liegt uns die Adria zu Füßen, die Sonne scheint, und der Wind hat Kraft. Am Himmel sind einige Wolken, die uns aber nicht tangieren. Wir sind nicht die einzigen, die auf dieses Prachtexemplar aufmerksam geworden sind, dadurch ist es recht voll und die Stimmung ist etwas angespannt am Startplatz. Hinzukommt, dass sich durch die knallige Sonne die Thermiken mehr und mehr ablösen und durchfegen. Ein paar Leinenverhänger und zu langsames Fertigmachen tun ihr übriges und nur die Hälfte der Gruppe schafft es zu rechtzeitig zu starten, bevor das Wetter für uns erstmal unstartbar ist. Die Mittagspause am Meer - mit Schwimmen und Eisbecher - ist aber eine tröstliche Wiedergutmachung. Nachmittags geht es wieder auf den Tribalj und nach meiner Erfahrung vom Vormittag will ich so schnell wie möglich starten. Starkwind und rückwärts aufziehen ist wirklich nicht mein Ding, also platziere ich mich zum Vorwärts-Start und erzähle unserem Startleiter Thomas noch, dass ich einen gaaaanz ruhigen Moment abwarten möchte, um schön genüsslich rauszustarten. Was daraufhin folgte kann man wohl eher als Raketenstart bezeichnen. Mag ja sein, dass ich einen ruhigen Moment für mein Aufziehen gewählt habe. Aber es war auch wirklich nicht mehr als eine Sekunde und schon schoss der Wind den Schirm in die Powerzone. Ich bin noch nie so schnell rückwärts gelaufen. Zum Glück schaffe ich es den Schirm über mich zu kriegen und kann starten. Allerdings katapultiert es mich als nächstes aufzugartig in die Höhe. Mein Vario überschlägt sich in Schrille und ich versuche entspannt zu bleiben, während Thomas mich coached den Beschleuniger halb zu treten, damit ich Fahrt nach vorne kriege und vom Startplatz wegkomme.  Praktischerweise hat Maren aus unserer Gruppe alles live gefilmt, was mir mit Sicherheit eine schöne und vor allem lustig anzusehende Erinnerung bleiben wird. Was für ein Nervenkitzel! Aber der Flug, der daraus entsteht, war jedes Herzrasen wert. Der Berg gehört gefühlt mir allein, weil die nächsten Piloten nur peu à peu starten können. Das Gefühl der absoluten Freiheit und Grenzenlosigkeit ist unbeschreiblich. Ich blicke in die Ferne übers Meer und höre nichts außer das kräftige Rauschen des Windes und das vertraute Piepsen meines Varios. Ich finde mehrere Thermikquellen und schraube mich immer höher und höher bis es irgendwann kühl wird und die Sicht diesig. Die anderen Schirme sehen wie bunte Moskitos unter mir aus und der Berg hüllt sich mehr und mehr in gold-rötliches Licht als sich die Sonne zum Abend absenkt. Ich bin ganz für mich. Eine sich wohlig anfühlende Form des Alleinseins. Ich kann entspannen und genießen. Beim Landeanflug sehe ich erst wie riesig und massiv die Bergkette ist und mir wird noch einmal bewusst wie privilegiert wir sind, dieses Hobby ausüben zu dürfen. Nach 2,5 Stunden lande glücklich und müde auf dem Landeplatz ein.

 

Kurze Verschnaufpause:

Der Folgetag ist verregnet und wir legen eine Pause ein. Gestern war wundervoll aber auch kräftezehrend und so bin ich ganz froh, ein bisschen Ruhe zu kriegen. Ein schöner Spaziergang um den See und Kaffee Kuchen runden den Tag ab.

 

Abschluss am Paragliding-Traumberg Lijak:

Der letzte Tag führt uns an den Lijak. Der Berg, an dem ich meinen ersten „Nicht-Abgleiter“ vor zwei Jahren hatte. Wir warten geduldig am Landeplatz, dass sich der eher duster aussehende Himmel klärt und tatsächlich, irgendwann ist es soweit und wir können einen letzten ausgedehnten Abschlussflug machen. Eindeutig hatte kein anderer noch die Hoffnung, dass es hier mit Fliegen klappen könnte - unsere Gruppe steht allein am Berg, was eine Seltenheit am Lijak ist. Zwei Stunden bin ich in der Luft und arbeite fleißig an meiner Thermik Technik. Zum 15km Flug für den B-Schein reicht es leider nicht, aber ich kann gut üben. Als ungeplanten „Special Effect“ habe ich noch Franzens Handy im Gurtzeug, was in regelmäßigen Abständen eine Art Feueralarm auslöst und mich zu Tode erschreckt :D Franzl, das nächste mal musst du dein Handy jemand anderem in die Tasche stecken ;) Pünktlich zum Abendessen kommen wir wieder in unserer Unterkunft an. Es war ein perfekter Abschluss der Woche.

 

Abschlussworte:

Ein besonderes Danke geht an Aksel und Thomas von Papillon Paragliding, die uns mit unermüdlichem Einsatz bei jedem noch so aussichtslos wirkenden Wetter eine fliegbare Region gefunden und uns in die Luft gebracht haben. Auch bei den anderen Mitreisenden möchte ich mich bedanken, für die schönen Gespräche und die lustige gemeinsame Zeit. Ich freue mich auf unser Wiedersehen im kommenden Jahr :)

 

Reflektion zum Ende der Woche:

Insgesamt merke ich nach der Woche, dass ich endlich vom Stress und Chaos in Düsseldorf loslassen konnte. Rückblickend war es nicht klug, unmittelbar vom Büro ins Sabbatical aufzubrechen. Ein, zwei Tage vorab hätten zur Entschleunigung schon gut getan. Am Ankunftstag in Slowenien war ich noch so “fix und foxy“ wie meine Mutter sagen würde, dass ich am liebsten einen Tag in Silenzio und gesellschaftslos verbracht hätte, statt mich mit der Gruppe zu treffen und zu socialisen. Und das, obwohl ich doch eigentlich so extrovertiert und kommunikationsfreudig bin. Aber die letzten Monate waren anstrengend und ein Pause war dringend notwendig. Nun bin ich in der Erholung angekommen und freue mich auf die Monate, die vor mir liegen.



Glossar:

  • Hausberg: der Berg an dem man am häufigsten fliegt und/oder Fliegen gelernt hat.

  • Groundhandling: Schirmbeherrschungs-Übungen auf einer flachen Wiese, ohne Fliegen.

  • Abgleiter: Direktflug vom Start- zum Landeplatz, ohne Höhengewinn. Der Schirm verliert konstant Höhe.

  • Thermik: Aufsteigende Hitzepakete. Bzw Aufwind, der durch starke Erwärmung des Bodens und der darüberliegenden Luftschicht hervorgerufen wird. Durch Thermik kann man beim Paragliding Höhe gewinnen und länger in der Luft bleiben.

  • Kurbeln: um optimalen Höhengewinn in der Thermik zu erzielen, dreht man mit dem Schirm Kreise. Dieses Drehen nennt man umgangssprachlich auch "Kurbeln".

  • Streckenflug: wenn man sich deutlich von Start- und Landeplatzumgebung entfernt und mit dem Schirm eine weitere Distanz fliegt.

  • Rückwärts aufziehen: eine Startart, bei der man mit dem Rücken zur Flugrichtung und Blick auf den Schirm startet. Erst nachdem der Schirm über einen gestiegen ist, dreht man sich in Startrichtung aus und fliegt los.

  • Powerzone: wenn der Wind beim Start horizontal in die ganze Fläche des Schirms drückt und somit Maximalkraft entwickelt. Man wird vom Schirm rückwärts gezogen.

  • Vario: Board-Computer, der durch Luftdruckmessung und mit Piepstönen anzeigt, ob man steigt oder sinkt.

  • Beschleuniger: eine Schlaufe unterm Sitzbrett, welches man mit den Füßen herausdrücken kann, um den Anstellwinkel des Schirm so zu ändern, dass dieser schneller fliegt.


 
 
 

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