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Rückkehr nach Neuseeland - Teil 1

Aktualisiert: 31. Dez. 2025

Teil 1


Auf zu neuen Gefilden

 

Endlich sitze ich im Flieger! Neuseeland, ich komme! Ich kann es kaum erwarten. Alleine der Gedanke mal wieder ohne Probleme kommunizieren zu können, ist eine Erleichterung. Die Immigration in Auckland geht schnell und problemlos und ich mache mich direkt auf den Weg meinen Mietwagen abzuholen. Der Moment der Wahrheit! Ab sofort muss ich auf der linken Seite der Straße fahren. Sogar der Blinker ist hier auf der falschen Seite. Zum Glück darf man in Neuseeland nur 80-100km/h fahren. Das nimmt etwas Stress raus.

 

Da ich für die nächsten zwei Wochen Selbst-Versorger sein werde, geht es zunächst erstmal zum Supermarkt. Anschließend zu meiner heutigen Unterkunft, dem LyLo Hostel. Das Hostel ist sehr stylisch eingerichtet - als wäre es von Grund auf für Instagram optimiert worden. Auch die Schlaf-Pods sind sehr hochwertig und neu. Für nur 35 Euro übernachte ich hier heute. Das ist teuer im Vergleich zu den anderen Hostels in NZ, aber zumindest zum Start wollte ich eine schöne Unterkunft haben.

 

Kurz darauf mach ich mich auf den Weg, um die Queen Street zu erobern: Aucklands Einkaufsmeile. Allerdings bin ich schwer enttäuscht. Mit Einkaufen hat das hier wenig zu tun. Am oberen Ende ist ein Asia-Restaurant nach dem nächsten und weiter unten, Richtung Hafen, kommen primär nichtssagende Geschäfte, die plötzlich von Gucci, Prada und Hermès unterbrochen werden. Es fehlt der Charme. Wie schade, ich hatte mich so aufs Bummeln gefreut. Immerhin werde ich bei Lululemon fündig und gönne mir ein neues Outfit. Ich möchte mal was anderes anziehen als immer nur Trekking-Klamotten. Meine zwei T-Shirts und zwei Hosen leisten mir zwar gute Dienste, aber irgendwann hat man sich auch daran satt gesehen.

 

Auch an Aucklands Wahrzeichen, dem Sky Tower, komme ich vorbei. Ich hatte ihn irgendwie viel größer in Erinnerung :D Insgesamt hatte ich auch Auckland viel größer und wuseliger in Erinnerung. Aus heutiger Perspektive wirkt es eher klein und ruhig.

 

Zurück im Hostel koche ich mir zum ersten Mal seit ca. drei Monaten wieder selber etwas zu Abend. Anschließend gönne ich mir noch ein Bier in der sehr schönen Hotel-Bar! Alle sind so freundlich hier und der Service funktioniert astrein. Herrlich. Ich genieße es.

 

Es war ein guter Start in Neuseeland und ich bin gespannt, was die nächsten zwei Wochen für mich bereithalten.

 

Der Weg durch das Auenland – Besuch in Hobbiton

 

Heute geht es um 9:20 Uhr pünktlich raus aus Auckland – ich fahre nach Hobbiton! Ich dachte, ich wäre topfit, doch die Zeitverschiebung und die Reise scheinen mir mehr in den Knochen zu stecken, als ich dachte, und ich stelle nach kurzer Zeit fest, dass ich unfassbar müde bin und dringend einen Kaffee-Stopp brauche. Also fahre ich irgendwo vom Highway runter und lande in Rangiriri, einem winzigen Städtchen. Die Fixate Eatery hat einen wunderbaren Long Black (Americano) und mir tut die Pause so gut, dass ich gleich auf zwei Kaffee hier sitzen bleibe und meinen geplanten Besuch in den Hamilton Gardens abschreibe. Stattdessen fahre ich lieber gleich durch nach Hobbiton.

 

Vom Highway aus geht es knapp 16 km durch Farmlandschaft mit kurvigen Straßen. Hier verborgen liegt Hobbiton. Das Wetter ist launisch und es fängt pünktlich an zu regnen als ich aussteige. Vor lauter Aufregung über meinen ersten Programmpunkt, lass ich mein Eintrittsticket auf dem Tisch im Shire Café liegen. Zum Glück sind die Kiwis aber unheimlich freundlich und lassen mich trotzdem rein, da sie sich an meinen Check-In erinnern. Nun startet die Walking Tour. Auf rund 5 Hektar haben sie 44 Hobbit Holes erbaut, die in unterschiedlichem Maßstab angelegt sind, sodass sowohl der Zauberer Gandalf als auch die Hobbits Frodo und Sam einen von der Perspektive her passenden Background haben.

 

Es ist wunderschön angelegt und ich bin beeindruckt, wie perfekt die Blumenbeete blühen und auch wie erntebereit das Gemüse in den Gemüsegärten aussieht. Als ich nachfrage, erklärt mir der Guide, dass sie tatsächlich je nach Saison, alle drei Monate, die Pflanzen auswechseln.

 

Die meisten Hobbit Holes sind nur von außen zu besichtigen, denn von innen sind sie nicht ausgebaut. Die Indoor-Szenen wurden nämlich in den Studios in Wellington gedreht. Aber um eine immersive Erfahrung möglich zu machen, gibt es zwei spiegelgleiche Höhlen, die auf jeweils 172 Quadratmetern komplett von innen ausgearbeitet wurden. Ich bin schwer beeindruckt wie unfassbar detailreich sie sind.  Jedes noch so kleine Element ist durchdacht. Wir dürfen alles anfassen und uns auch auf die Möbel setzen. Alles soll so real wie möglich sein. In der Tat hab ich das Gefühl, als ob gerade noch Hobbits durchs Haus gelaufen wären. Im Wohnzimmer brennt ein echtes Kaminfeuer. In der Küche kocht der Kessel und auf dem Schneidebrett liegen echte Zwiebeln, die schon zur Hälfte geschält sind. Ich könnte Tage hier drin verbringen. Am besten gleich einziehen!

 

Zum Abschluss gibt es noch ein Bier im Green Dragon Pub. Insgesamt bin ich total begeistert von der Tour. Das Wetter hat zwar nicht mitgespielt und wir hatten viel Regen. Doch das hat der Tour keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, es hat es irgendwie authentisch gemacht.

 

Nach Hobbiton fahre ich weiter nach Waitomo ins Juno Hall Backpackers. Es ist eine kleine und sehr gemütliche Unterkunft, die perfekt zu den Glühwürmchen Höhlen gelegen ist und wo man definitiv besser entspannen kann, als im LyLo in Auckland. Die Küche ist blitzblank sauber und läd zum Kochen ein. Mein besonderes Highlight ist, dass der Besitzer uns seine Zieh-Lämmer mit Milchflaschen füttern lässt. SO SÜSS!

 

Die Waitomo Caves – Glühwürmchen Tour für Hartgesottene

 

Heute früh geht es in die Waitomo Caves. Ich kann endlich die Black Abyss Tour machen, die Abseiling, Ziplining und Tubing enthält. Das wollte ich schon 2006 machen - Jetzt hole ich es endlich nach!

Unsere Gruppe schmeißt sich in Wetsuits mit Gummistiefeln und Helm und wir seilen uns rund 30 Meter in die Höhle hinab. Es ist wirklich stockduster hier unten. Nur die Glühwürmchen glimmen in kaltem Weiß-Blau an der Höhlendecke. Lediglich beim Laufen machen wir unsere Stirnlampen auf kleinster Helligkeitsstufe an.

 

Als nächstes springen wir mit Karacho und Gummireifen unterm Hintern von einer Platform in den Fluss hinab. Ich kann mich zwar erinnern, dass es kalt hier unten war. Aber dass es SO kalt ist, wusste ich nicht mehr. Zwischenzeitlich spüre ich meine Finger nicht mehr richtig. Aber wir sind auch 30-80m unter der Erde. Da wir uns anfangs nicht viel bewegen, kämpfe ich wirklich etwas mit der Kälte.

 

Einer meiner Höhepunkte der Tour ist, dass wir uns hintereinander mit den Stiefeln einhaken und die Tour-Guidin uns durch das Wasser zieht, während wir den Glühwürmchen-Himmel genießen. Es ist wunderschön und diesen Teil genieße ich sehr!


Zum Abschluss steigen wir durch zwei Wasserfälle aus der Höhle hinaus. Oben stehen wir mitten in tropischer Umgebung - um uns herum moosbewachsene Steine, Palmen und Silver Fern. Was für ein Kontrast.

 

Die Erfahrung war toll, ich will sie nicht missen! Aber 5 Stunden waren schon sehr lang in der Kälte. Trotz doppeltem Neoprenanzug hätte es für mich gerne eine Stunde kürzer sein dürfen.

 

Zeitreise zurück ins Jahr 2006 - Whanganui

 

Nun geht es 3,5 Stunden nach Whanganui, wo ich die Hoppers besuchen werde - mein damalige Gastfamilie. Der Weg alleine ist schon eine Panoramafahrt und ich halte immer wieder an, um Fotos zu machen.

 

In Whanganui werde ich mit offenen Armen bei den Hoppers willkommen geheißen! Es ist so herzlich und fühlt sich an, als würde ich nach Hause kommen. Wie unglaublich, dass es fast 20 Jahre her ist, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben! Es war ein wundervoller Abend. Wir haben uns über die Geschehnisse der letzten Jahre ausgetauscht, Fish and Chips gegessen und zum Nachtisch gab es sogar selbstgemachte Pavlova - ein Neuseeländisches Original. Ich fühle mich richtig zurückversetzt in die Anfangszeit in Whanganui. Damals habe ich mich am Anfang im Internat so unwohl gefühlt und die Hoppers hatten immer eine offene Türe für mich und haben mir ein familiäres Umfeld gegeben.

 

Sightseeing in Whanganui und nostalgische Gefühle

 

Nach einer kuscheligen Nacht auf der Couch geht es um 9:30 Uhr los zum Whanganui Tower. Ich konnte mich gar nicht mehr an ihn erinnern. Wobei ich den Eindruck habe, dass ich damals nicht allzu viel von Whanganui gesehen habe, da ich den Großteil im Internat verbracht habe und manche Distanzen zu weit zum Laufen waren. Von oben sieht man hübsch auf die Stadt, die deutlich größer ist, als ich in Erinnerung hatte. Aus der Entfernung können wir den Pak’nSave sehen, der damals so ziemlich mein einziges Ausflugsziel war. Direkt dahinter sieht man die Dächer des Internats und ein paar Straßen weiter ist das neue Haus der Hoppers.

 

Anschließend fahren wir tatsächlich zur Whanganui Collegiate School. Der Gang ist mir schwer gefallen. Ich hab so lange gehadert, ob ich überhaupt nach Whanganui kommen soll und erst recht zur Collegiate School. Als ich damals ins Internat gekommen bin, hatte ich anfangs so viele Sorgen und Probleme. Ich habe zu Hause vermisst, wo ich immer sehr liebevoll umsorgt wurde. Es gab einige Missverständnisse mit Mitschülerinnen, da alle dachten, dass ich alles verstehen müsste, weil mein Englisch schon sehr gut war – was ich aber nicht getan habe. So habe ich manchmal Dinge nicht gemacht, die mir in Auftrag gegeben wurden, und teilweise Ausdrücke falsch angewandt und damit Leute vor den Kopf gestoßen. Ich kann mich auch erinnern, dass ich ständig gefroren habe, und scheinbar habe ich mich – ganz nach deutscher Manier – ständig beschwert, was mir eine Mitschülerin dann mal gesagt hat. Mir war das zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst und somit hat es mich total verletzt, weil das ja gar nicht meine Absicht war. Lange Rede, kurzer Sinn: das erste Halbjahr hat mein bis dahin sehr starkes Selbstbewusstsein sehr geerdet und ich musste mich echt durchbeißen. Im zweiten Halbjahr hatte ich mich dann ganz gut eingelebt und konnte die Zeit genießen.

 

An diesen Ort geht es nun also wieder zurück. Ich bin aufgeregt. Unser Wagen fährt vor Godwin House vor, Abbey und ich steigen aus und bevor wir uns länger umsehen können, kommt schon eine Frau aus dem Haus. „I am the House Matron, how can I help you?“. Ich erkläre ihr, dass ich vor fast 20 Jahren hier zur Schule gegangen bin, und sofort ist sie voller Begeisterung und lädt mich ein, hereinzukommen. Sie heißt Mel und ist deutlich jünger und moderner, als meine House Matron damals :D Inzwischen ist meine Aufregung in Begeisterung umgeschwungen. Ich schaue mir das Office von Mrs. Tait - meiner damaligen House Masterin - an. Alles wurde renoviert und aus dem gemütlichen, dunklen, bücherbeladenen Zimmer ist nun ein modernes, helles, aufgeräumtes Office geworden. Nebenan ist die Telefonzelle, aus der ich damals jeden Freitag mindestens eine Stunde mit meiner Mutter auf dem Fußboden sitzend über Festnetz telefoniert habe. Immer mit einer Vorwahl, die mein Vater vorher rausgesucht hat, da telefonieren damals auf die Distanz sonst ein Vermögen gekostet hätte. Aus der Telefonzelle ist inzwischen ein Aufbewahrungsraum geworden. Das Wohnzimmer und die Küche sehen noch genauso aus wie damals! Mel schaut hinter uns auf eine Wand mit vielen alten Haus-Fotos und fragt mich, in welchem Jahr ich hier war. 2006-2007. Da ist bestimmt schon zu lange her, als dass hier noch ein Foto von mir und den Mädchen hängen würde, denke ich. Doch das älteste der Bilder, das an der Wand vertreten ist, ist tatsächlich das Haus-Foto von 2007. Sie holt es runter und in der Tat bin ich auf dem Foto – und alle anderen Mädchen, mit denen ich meine Zeit hier verbracht habe. Plötzlich fallen mir auch all ihre Namen wieder ein.

 

Wir gehen durch den Innenhof und schauen uns eines der Mädchenhäuser an, inklusive Zimmer und Waschraum. Alles ist noch genauso wie damals und ich weiß sogar noch, wo meine Zimmer in den beiden Halbjahren waren. Mel macht viele Fotos von mir und ist genauso begeistert wie ich von diesem unerwarteten Besuch. Dann ist es Zeit für Morning Tea und die Mädchen kommen ins Haus zurück. Mel hat zu tun und ich verabschiede mich. Auf dem Weg nach draußen fahren wir am Auditorium, der Musikschule und der „Residenz“ des Headmasters vorbei. Auch beim Rugby-Feld und bei der Chapel, wo ich damals dreimal die Woche Chapel Service hatte, zuzüglich zweimal pro Woche Chorprobe. So viele Erinnerungen werden wach.

 

Der Besuch in Whanganui und in der Collegiate School war wundervoll. Ich bin so glücklich, dass ich meinen Mut zusammengenommen habe und es gemacht habe. All die Sorgen, die ich vorher mit mir herumgetragen habe, waren Probleme einer 16-Jährigen, die aber im Großen und Ganzen keine größere Bedeutung haben. Was hingegen bleibt, sind viele Erfahrungen, Learnings und wunderschöne Erlebnisse. Es war ein versöhnender Besuch und ich bin sehr im Frieden mit allem.

 

Mittags mache ich mich auf den Weg nach Rotorua. Die Fahrt ist extrem lang. Auch beim Tongariro Crossing komme ich vorbei. Dort sieht man das Ausmaß des Feuers. Bis zur Straße hin ist alles verkohlt und es riecht nach Asche. Es halten auch viele andere Leute an und schauen sich das Unglück an. Eine Neuseeländerin schaut mich voller Verzweiflung an „This is my home! I live here! Think of all the Kiwis and other animals that have died here.“


Später fahre ich entlang des Lake Taupo. Leider ist es bereits zu spät, als dass noch ein Café offen hätte, was meinen Plan für die Tour etwas durcheinander bringt. Ich bin wahnsinnig müde und mag jetzt nicht mehr fahren. Nützt aber alles nichts, ich muss nach Rotorua. Also Zähne zusammenbeißen und noch mal eine Stunde weiterfahren. Zum Glück habe ich in weiser Voraussicht gestern Rotwein gekauft, mit dem ich mich nach der Ankunft belohne.

 

Rotorua – Wo sind die Geothermalquellen?

 

Rotorua habe ich in toller Erinnerung und dachte, dass ich hier auch ohne viel Recherche einfach zurechtkomme. Nachdem ich aber gemütlich gefrühstückt habe, stellt sich das Gegenteil heraus. Im Hostel werde ich mittelmäßig beraten und laufe erst mal in die Stadt rein. Es gibt ein paar hübsche Outdoor-Geschäfte. Doch der kostenlose Kuirau Geothermal Park ist wirklich bescheiden, auf einem Wochenmarkt kaufe ich den weltschlechtesten japanischen Kohl-Pancake und auch ansonsten gibt es hier nichts Pittoreskes zu sehen oder Spannendes zu tun. So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Plötzlich bricht Stress bei mir aus. Ich habe doch nur einen Tag hier, den muss ich doch gut nutzen! Es ist schon 12 Uhr mittags und ich habe noch nichts Sinnvolles gesehen! Ich rase zurück Richtung Hostel und hetze auf dem Weg noch am Rachel Spring (Whangapipiro), dem Polynesian Spa und dem Sulphur Point am Lake Rotorua vorbei. Das ist zumindest schon mal besser gewesen als das vorherige Programm.

 

Schnell packe ich meine Sachen ins Auto und fahre nach Whakarewarewa. Das ist ein Geothermal Park und dort werde ich fündig und glücklich. Was für eine Erleichterung! Der Tag ist gerettet. Da ich self-guided unterwegs bin, nehme ich mir Zeit und fotografiere ausgiebig. Ich laufe alles ab, was es gibt, und weil es so schön war, buche ich anschließend noch die Living Village Tour. Die Tour endet mit Blick auf den sprudelnden Geysir an der Te Pui Seite.

 

Anschließend fahre ich noch zum Redwood Tree Park. Heute Abend möchte ich den Tree Top Walk machen und kaufe schon mal das Ticket, damit ich später nicht anstehen muss. Danach spaziere ich noch 4 km durch den Wald und genieße die frische Luft – die nach Grün riecht –, die Nachmittagssonne – die ein tolles Licht auf die riesigen Bäume wirft – und die Stille.

 

Ich mache mir Gedanken, warum ich immer so FOMO habe (Fear of missing out). Ich habe in den letzten Wochen und Monaten schon reichlich viel gesehen. Selbst hier in den letzten Tagen in Neuseeland. Das heißt, selbst wenn ich jetzt mal einen halben Tag verbummeln sollte, dürfte das auch nicht der Weltuntergang sein. Trotzdem stressen mich solche Situationen wie heute Vormittag extrem. Ich spüre förmlich, wie sich mein ganzer Körper anspannt und ich keinen ruhigen Gedanken mehr fassen kann. Ich nerve mich in dem Moment selber, doch gleichzeitig kann ich nichts dagegen tun. Einerseits überlege ich, ob ich daran arbeiten sollte. Mich mal bewusst entschleunigen und lernen, entspannt zu sein beim Nichtstun. Gleichzeitig denke ich mir, entspricht es nicht meiner Natur. Mein Instinkt sagt eindeutig, dass er das volle Aktivitäten-Paket haben will. Also warum sollte ich gegen meine Natur arbeiten? Ich lasse den Gedanken erst mal sacken…

 

Um 20:45 Uhr breche ich ein letztes Mal für heute auf, um den Tree Top Walk bei Nacht zu machen. Sie haben hier eine Kunstinstallation aus riesigen hölzernen Laternen und anderen Lichteffekten in die Baumkronen gebaut. Die Installation ist einzigartig in Neuseeland und das möchte ich mir natürlich ansehen. Ich war so stolz, dass ich das Eintrittsticket schon gekauft hatte und dachte, ich könnte somit direkt reingehen. Aber weit gefehlt. Es hat sich eine ewig lange Warteschlange gebildet und als ich nachfrage, ob ich mit meinem Ticket nicht direkt reinkann, stellt sich heraus, dass ich dafür ein Express-Ticket hätte kaufen müssen. Na toll! Da stehe ich nun, ich armer Thor…in Eiseskälte in der Dunkelheit. Wenigstens hatte ich meine dicke Daunenjacke und Wollmütze vom Kilimanjaro mitgenommen. Sonst wäre jetzt Holland in Not! In Summe warte ich sage und schreibe 1,5 Stunden und bin am Ende recht grantig und kalt, durch das ganze Herumstehen. Der Walk war wirklich sehenswert und ich glaube, gerade wenn man mit Freunden oder einem Partner hier durchgeht, ist es noch mal besonderer. Ich würde halt bloß jedem empfehlen, ein Express-Ticket zu kaufen, weil das lange Warten zumindest bei mir die Erfahrung etwas getrübt hat.

 

Ein Highlight jagt das Nächste: Wai-O-Tapu, Hot Springs, Orakai und Huka Falls 

 

Heute geht es wieder ein Stück in den Süden zurück, nach Turangi. Schließlich möchte ich noch mal mein Glück mit dem Tongariro Crossing versuchen, nachdem ich es vor einigen Tagen nicht machen konnte, wegen des Waldfeuers.

 

Auf dem Weg hinunter habe ich mir ein schönes Programm zusammengestellt. Der erste Stopp ist Wai-O-Tapu. Ca. 30 Minuten von Rotorua entfernt fahre ich zunächst den Lady Knox Geysir an, der Teil des Parks ist. Die Eruption sieht toll aus, keine Frage. Gleichzeitig ist es auch sehr schnell wieder vorbei und irgendwie finde ich es schade, dass es so auf Knopfdruck durch Zugabe von natürlicher Seife passiert. Ich hatte es mir romantischer vorgestellt.

 

Anschließend geht es in den eigentlichen Park rüber. Der Park ist sehr groß und in drei Wege aufgeteilt, die man alle miteinander kombinieren kann, wenn man möchte. Natürlich lasse ich mir das nicht entgehen. Ich will alles sehen. Unterwegs sehe ich faszinierende Landschaften. Manches ist sehr karg und die Felsformationen und tiefen Krater in der Erde erinnern etwas an Kreidestein. Sie sind teilweise gelb gefärbt vom Sulfat. Der Geruch nach faulen Eiern ist mir inzwischen schon fast sympathisch geworden. Ich bilde mir ein, dass es heilend riecht und bestimmt total gut für die Haut ist :D Dann kommen aber auch wieder Abschnitte mitten im Wald.

 

Eines der vielen Highlights ist der Champagne Lake. Es ist ein tiefblauer, klarer See, der rundherum eine knallorange, ca. 1 m breite Umrandung hat. Die Umrandung liegt unter Wasser, ist aber durch das klare Wasser astrein zu sehen. Es wabert Dampf über dem See, was es unheimlich mystisch macht. Ich verbringe hier etwas mehr Zeit, um auch wirklich alle Details der Bodenbeschaffenheit und der Umgebung ansehen zu können. Dann dreht sich der Wind und nimmt Fahrt auf. Die Dampfwolken werden immer mehr und ich stehe mitten im Durchzug und werde förmlich von den brausenden Wolken verschluckt. Es fühlt sich großartig an. Es ist wie ein Rausch und man spürt die ganze Wucht der Luft, die auf einen prallt und um einen herumwirbelt. Gleichzeitig ist es wie eine allumfassende Umarmung, die alles andere um einen herum verschwinden lässt. Einfach schön.

 

Die Wanderwege führen mich noch an viele weitere tolle Aussichtspunkte. Insgesamt verbringe ich fast 5 Stunden Zeit in dem Park. Der Wai-O-Tapu Park hebt sich vom gestrigen Whakarewarewa Park durch die vielfältige Landschaft und die bunten Farben ab. Beides sind Geothermal Parks, aber sie sind wirklich sehr unterschiedlich und ich würde empfehlen, beide zu besichtigen.

 

Es ist Zeit, weiterzufahren. Schließlich habe ich mir ja noch einiges an Programm vorgenommen! Doch zunächst will ich unbedingt noch zu diesem „Geheimtipp“ fahren, von dem ich immer wieder gehört habe: Ein öffentlicher, natürlicher Hot Spring! Angeblich soll es hier ganz in der Nähe eine kleine Brücke geben, unter der ein heißer Thermalfluss und ein normaler kalter Fluss zusammenführen. Es dauert nicht lange, bis ich ein paar parkende Autos im Nirgendwo sehe und einen Typen, der in Badehose quer über die Straße läuft. Hier muss es sein! Tatsächlich! Es ist ein relativ breites Flussbett, was ca. hüfttief ist, und ein paar Leute genießen schon ihr Bad. Also zögere ich nicht lange, ziehe mich hinter meinem Auto um und steige in den Fluss runter. Es ist großartig! Eigentlich wollte ich nur kurz reinhüpfen. Doch es fühlt sich wirklich wie ein Open-Air-Spa an und so verbringe ich mehr Zeit als geplant hier.

 

Die Temperatur im Fluss geht von kochend heiß bis hin zu eiskalt. Man muss also seine Position adjustieren, bis man seinen persönlichen „Sweet Spot“ gefunden hat. Es ist herrlich! Abgesehen von ein paar netten Mädels aus Deutschland, ist hier noch Maori, die unter einem riesigen Felsbrocken Schlamm hochholt und sich damit eine Ganzkörpermaske macht. Das wollen wir natürlich auch! Also stehen wir letztlich alle schlammbeschmiert im Fluss und hoffen, dass der Naturschlamm genauso viele Beauty-Benefits hat, wie die teuren Produkte im Souvenir-Laden. Wobei oben ein Hinweisschild stand, dass man seinen Kopf nicht ins Wasser tunken soll, weil man über die Schleimhäute Meningitis kriegen kann. Ähm tja, dann sparen wir das Gesicht wohl besser aus :D

 

Dann heißt es schnell umziehen und weiterfahren. Denn ich möchte mir noch Orakei ansehen. Von diesem Park habe ich nirgendwo gelesen. Der einzige Grund, warum ich von ihm weiß, ist, weil eine Hostel-Bewohnerin mir beim Pasta-Kochen davon erzählt hat. Als ich ankomme, ist es bereits 15:30 Uhr. Das Eingangsgebäude sieht sehr schick und offiziell aus und ist an einem schönen Fluss gelegen. Nur wo der Park sein soll, weiß ich nicht so recht. Es ist kein Mensch hier. Der Gastgeber meint, dass ich noch reinkann, aber spätestens um 17 Uhr wieder zurück sein muss. 1,5 Stunden sollten reichen, meint er. OK, gesagt, getan, ich kaufe mein Ticket. Zu meiner großen Verwunderung werde ich als nächstes zum Bootssteg geschickt. Tatsächlich beginnt der Park auf der anderen Seite des Flusses und ich bekomme ich ein Privat-Boot-Shuttle rüber.

 

Die Nachmittagssonne hat bereits eingesetzt und mein Blick fällt als allererstes auf einen riesigen Hügel zu meiner Rechten, der begrünt ist, dampft und so aussieht, als würde weiße Acrylfarbe von ihm hinunterlaufen. Ein paar rosa Streifen sind ebenfalls dabei. Unten in der Ebene läuft das Ganze dann in ein Orange-Braun-Grün über. Es sieht surreal aus! Auch die Tatsache, dass ich über einen ganz flach gebauten Holzsteg gehe und nur wenige Zentimeter davon entfernt bin, mit meinen Füßen im Farbbad zu stehen, ist ein irres Gefühl. Links geht es zu einem Aussichtspunkt, wo man noch mal einen Überblick über alles hat. Der Weg gerade aus führt hinunter durch ein kleines Stück Wald, wo viele Vögel zu hören sind. Ich liebe es, diesen gesamten Park ganz für mich alleine zu haben. Es ist großartig.

 

Die Wege führen mich über verschiedene Landschaften und zu verschiedenen Ausblicken. Unter anderem zu einem großen Krater, der so aussieht, als ob es einen Sog nach unten geben würde und sich eine ganze Galaxie darin aufmachen würde. Außerdem Schlammgruben mit blubberndem Matsch und eine Höhle mit blauem, klarem Wasser auf dem Grund („Aladins Höhle“). Magisch ist dieser Ort in jedem Falle. Auf dem Rückweg kommt dann das Highlight: Eine riesengroße Fläche, die so bunt ist, wie die Farbpalette eines Malers. So wie es vor meinen Füßen liegt, könnte es genauso gut ein teures Gemälde sein. Dass die Natur ein Künstler ist, ist mir ja nicht neu. Aber hier hat sie eindeutig den Picasso raushängen lassen. Es ist unbeschreiblich schön.

 

Der Tag war schon jetzt voller Highlights. Eigentlich ist mein Glas für heute voll. Doch auf dem Weg nach Turangi besteht noch die Möglichkeit, an den Huka Falls in Taupo zu halten. Es ist die letzte Möglichkeit, da ich nach Turangi in Richtung Norden aufbrechen muss. Also fahre ich noch schnell hin. Auf dem Parkplatz treffe ich eine Britin, mit der ich mich auf Anhieb gut verstehe, und wir machen den Spaziergang zu den Huka Falls zusammen. Das Ganze hat nur eine halbe Stunde gedauert, aber es war ausgesprochen schön :).

 

Um 19:30 Uhr komme ich schließlich wohlbehalten in der Riverstone Lodge an. Sie ist wie ein privates, gemütliches Haus. So wohnlich und persönlich gestaltet. Außer mir sind noch fünf andere Leute da. Alle sind total freundlich und ich fühle mich sehr wohl. Die perfekte Unterkunft nach einem so aufregenden Tag.

 
 
 

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