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Abenteuer Äthiopien Teil 2


Der Dimeka Market und die hängenden Ziegen

 

Heute früh geht es Richtung Dimeka Market. Dieser grenzt sich vor allem durch einen Viehmarkt-Bereich von den anderen bisherigen Märkten ab!

 

Der Viehmarkt-Bereich ist eindeutig in fester Hand der Männer. Frauen sieht man hier eigentlich gar nicht. Die Männer stammen von verschiedenen Ethnien bzw Tribes ab, was sie sowohl durch ihre Kleidung als auch durch ihren Haar-Stil zum Ausdruck bringen. Die Gesichter sind sehr ernst und sehr eindringlich. Die Frisuren sehen teilweise aus wie Kappen. Die Haare werden mit Lehm bearbeitet, mit Farbe verziert und in einer speziellen Weise rasiert. Mitunter sind sie noch mit Blüten oder dergleichen geschmückt. Wir werden von allen Seiten sehr prüfend angesehen. Nur die Kinder kommen recht freudig auf uns zu.

 

Wenn jemand Interesse hat eine Ziege zu kaufen, wird sie mit einer Kordel umwickelt und dann an einem Haken an eine Wage gehangen. 1KG Ziege (lebend) kostet 250 Birr, was umgerechnet etwas mehr als 2 Euro sind. Eine Ziege bringt schon mal 38KG auf die Wage! Aber dann muss sie noch verarbeitet werden - nicht vergessen! Man kann auch eine Kuh kaufen. Bei der Größenordnung muss man aber schon mit knapp 80.000 Birr rechnen. Nach dem Kauf muss auch eine Steuer bezahlt werden, die einer Handelsplatzgebühr entspricht.

 

In den anderen Bereichen des Marktes gehen wir wieder mitten durchs Getümmel. Ich versuche diejenigen, die mich prüfend ansehen, freundlich zu Grüßen und anzulächeln. Meistens dauert es ein paar Sekunden doch in der Regel entspannen sich dann ihre Gesichtsausdrücke und ich bekomme oft sogar ein Lächeln oder ein „Hello“ zurück. Etwas weiter sitzen unzählige Hamer Frauen mit ihren wundervoll gezwirbelten und eingefetteten schmalen Dreadlocks um ein paar Bäume herum und verkaufen allerhand Gemüse. Sie tragen wunderschöne Pelze - was hier das Äquivalent zum Sonntags-Zwirn ist. Man gibt sich Mühe! Eine ältere Dame hat sogar zusätzlich noch einen getrockneten Colobus Kürbis als Hut auf dem Kopf.

 

Der Bullensprung der Hamer - in the Middle of Nowhere

 

Nach einer kleinen Lunch Pause fahren wir zum lang-ersehnten Bullensprung. Unser Local Guide Mehari hat uns immer wieder gesagt wie besonders das ist und wie selten. Doch ich hatte keine Ahnung WAS für ein Spektakel da auf uns zukommt!

 

Der Bullensprung ist ein Ritual im Dorf, bei dem ein junger Mann über Bullen springt und dadurch vom Jungen zum Mann wird. Wenn der Sprung erfolgreich ist, sucht sein Vater ihm anschließend eine Frau raus und er darf offiziell heiraten.

 

Klingt erstmal konkret und greifbar. Doch das ist eine maßlose Untertreibung dessen, was wirklich passiert. Denn all das kommt mit einem Feuerwerk an Rahmenprogramm! Schon als wir ankommen ist wildes Getöse im Gange. Unter einem Baum werden Männer und Frauen mit roter und weißer Farbe kunstvoll im Gesicht bemalt. Drum herum ist Tanz, Gesang und wuseliges Durcheinander. Die Jugendlichen und Kinder sind gespannt über unseren Besuch und schauen uns ganz interessiert an. Wir sind in einem sehr abgelegenen Dorf, das sonst keinen Besuch von Reisenden bekommt - was man den Leuten anmerkt. Dass wir hier sind, haben wir wieder einer Connection von Mehari zu verdanken!

 

Auf einmal bewegt sich der Klüngel an Menschen. Wir pilgern allesamt über ein weites, hügeliges Feld zum Gemeinschaftsplatz des Dorfes. Im Zentrum des rund angelegten Dorfplatzes tanzen nun die Frauen - alt und jung. Sie laufen im Kreis, singen, blasen laut in Metallhörner und kommen immer wieder in einem Klüngel zusammen, das dann im Einklang aus dem Stand in die Höhe springt. Der Klang ihrer Metallschellen an den Beinen ist allumfassend und ohrenbetäubend. Dann kommen die Peitscher ins Spiel. Es ist Brauch, dass sich die verwandten Frauen des Bullenspringers bis aufs Blut auspeitschen lassen - als Ausdruck ihrer Zugehörigkeit, ihres Stolzes und ihrer Freude über das Zum-Mann-Werden ihres Angehörigen. Die Narben, die aus den Peitschenschlägen entstehen, sind körperliche Zierde und stellen ein Schönheitsideal dar. Die Frauen ringen förmlich darum ausgepeitscht zu werden und teilweise kommt es unter ihnen zu Streitigkeiten, wer als Erste dran ist. Sie haben ihre Shirts hochgebunden, sodass der Rücken freigelegt ist. Die Peitscher verpassen ihnen dann EINEN Peitschenhieb. Es ist sehr viel Bewegung im Gange, man rennt immer wieder umher. Es liegt Adrenalin und Aufregung in der Luft. Auch die Männer kommen zum Tanzen zusammen. Bei Ihnen geht es aber mehr darum möglichst hoch zu springen.

 

Das Ritual mit dem Auspeitschen ist schon sehr befremdlich für mich am Anfang. Die blutenden Rücken der Frauen zu sehen ist krass und lässt einen zunächst schon zusammenzucken. Gleichzeitig sehe ich ja, dass es in gegenseitigem Einverständnis passiert und was habe ich schon für ein Recht die Traditionen einer anderen Kultur zu beurteilen. Zumal wenn ich mich in ihrem Land und in ihrem Dorf befinde. Leben und leben lassen…

 

Eine große Gruppe an Frauen sitzt wie in einem Stadion an einer Seite und verköstigt selbstgebrautes, warmes Bier aus getrockneten Colobus Kürbisgefäßen. Die Gefäße sind groß und somit werden sie von Frau zu Frau durchgereicht. Zwischendurch geht ein Mann mit einer Plastikgießkanne durch die Reihen, um die Kürbisse wieder aufzufüllen. Hygiene wird hier groß geschrieben :D Eine Frau bietet mir und Babsi an, dass wir auch einen Schluck nehmen können. Doch wir sind uns ziemlich sicher, dass das zu einem körperlichen Totalausfall bei uns führen würde, daher lehnen wir dankend ab. 

 

Wir sind mittenmang in dieser Zeremonie und ich weiß gar nicht wo ich zuerst hinschauen soll. Ich bin zutiefst beeindruckt und auch ein Stück reizüberflutet. Der Geräuschpegel ist hoch und die Eindrücke überrollen einen förmlich. Es steht außer Frage, dass das hier keine „Touri Attraktion“ ist. Die Locals nehmen uns zur Kenntnis aber abgesehen davon spielen wir keinerlei Rolle.

 

Als nächstes wird ein Kuhfell auf dem Boden ausgelegt. Der Brauch besagt, dass sich der Bräutigam hier nackt ausziehen muss und dann ein Stück Holz acht mal auf den Schoß gelegt bekommt. Das soll Fruchtbarkeit bringen! Es quetschen sich unzählige Leute um das kleine Kuhfell und so ist es von außen unmöglich zu sehen was wirklich vor sich geht. Aber auch den Tumult zu beobachten ist aufregend genug.

 

Die Abendsonne setzt ein. Alles wird in oranges Licht gehüllt. Die rot bemalten Frauen sehen jetzt noch schöner vor der Kulisse ihres wundervollen Dorfes aus. Nun wird die Endphase der Zeremonie eingeleitet. Alle wandern über die Felder zu einem nächste Dorfteil hinüber. Hier werden die Rinder zusammengetrieben. Es sind 12 um genau zu sein und sie werden alle nebeneinander in Reih und Glied gestellt. Um sie dort zu halten, ziehen Männer die Rinder vorne an den Hörnern und hinten an der Route. Nun ist es soweit, der Bullenspringer nimmt Anlauf, springt auf das erste Rind und rennt über die Rücken der weiteren hinüber. Der Brauch besagt, dass er mindestens vier mal und immer in einer geraden Anzahl über die Rücken der Rinder laufen muss. Alles splitterfasernackt. Die Menge tobt.

 

Ich habe Glück und einen Prime Spot erwischt. Ich stehe direkt vor dem ersten Rind und kann somit hautnah erleben und sehen wie der Bullenspringer seiner Tradition nachkommt. Es ist wahnsinnig aufregend so mitten drin zu sein. Der Mann links neben mir ist ein Hüne und drückt mich recht stark zur Seite. Ich krümel mich nach unten, damit ich keinen Ellenbogen ins Gesicht kriege. Von hier aus ist die Perspektive noch mal eindrucksvoller, da alles so groß wirkt.

 

Irgendwann ist alles geschafft und der erfolgreiche Bullenspringer wird gefeiert. Nach und nach ziehen die Leute dem Sonnenuntergang entgehen zurück in den alten Teil des Dorfes. Heute Nacht sollen noch 24 Ziegen geschlachtet werden, da das Fest sich noch über mindestens einen weiteren Tag ziehen wird. Immer wieder sehe ich einzelne (traditionell gekleidete) Männer mit Kalaschnikows über der Schulter. Ein Bild was man hier nicht selten sieht und was einen erstmal zusammenzucken lässt. Uns wurde erzählt, dass die Männer hier die Gewehre haben, um sicher zu gehen, dass ihr Vieh nicht von anderen Stämmen geklaut wird.

 

Während die anderen sich auf weiteres Feiern vorbereiten, fahren wir zurück in unsere Lodge und müssen den Tag erst einmal sacken lassen. Der Bullensprung war eine Once in a Lifetime Erfahrung und ich bin überglücklich, so etwas außergewöhnliches erlebt haben zu dürfen.

 

Die Gruppe der Karo - Minge Kinder am Omo Fluss

 

Mit unserem Besuch bei den Karo, verbinde ich unweigerlich die Geschichte der „Minge“-Kinder, bzw der „verfluchten“ Kinder. Ein Kind kann aus verschiedenen Gründen im Dorf als Minge erklärt werden. Wenn es unehelich ist, wenn es Zwillinge sind, wenn zuerst die oberen statt die unteren Schneidezähne rauskommen,  es gibt alle möglichen Gründe. Da ein Minge Kind nicht nur selbst verflucht ist, sondern auch  Unheil über die ganze Familie bringt, bleibt dem Dorf nichts anderes übrig, als das Kind im Omo Fluss zu ertränken. Dieses schreckliche Schicksal kann kurz nach der Geburt beschlossen werden, aber auch wenn das Kind bereits zwei Jahre alt ist.

 

Einige Tage vor dem Dorfbesuch waren wir zu Gast im Omo Child Home und der dazugehörigen Schule. Diese wurde von Lale Labuko gegründet, der selbst ein Karo ist und zwei Schwestern durch diesen Aberglauben verloren hat. Er hat diesen Brauch schwer in Frage gestellt und daraufhin eine Organisation gegründet, die einerseits das Ziel hat, in den Stämmen aufzuklären und das Mind-Set der Leute zu ändern. Zum anderen hat die Organisation aber auch die Möglichkeit, die verstoßenen Kinder aufzunehmen und sie großzuziehen.

 

In einem dieser noch existierenden Karo Dörfer sind wir nun also. Die Karo sind mit ein paar Tausend Stammeszugehörigen quasi vom Aussterben bedroht. Es sind sehr viele junge Mütter zu sehen, die ihren Babies auf dem Arm tragen. Sie sind kunstvoll mit Farben geschminkt, meist gepunktete Kreise auf den Wangen, der Stirn oder der Brust. Sie tragen eigentlich nur einen Hüftwickel und haben ansonsten einen freien Oberkörper, der durch bunte Perlenketten dekoriert ist. Auch Felle werden als Kleidung genutzt. Die Männer sehen ebenfalls kunstvoll aus. Sie sind unheimlich groß gewachsen und sind im Gesicht und am Oberkörper mit einer Art weißem Lehm eingeschmiert, in den sie mit den Fingern Muster gezogen haben. Ihre Haare sind vorn zurückgestutzt und sehen hinten wie eine Kappe aus. Zusätzlich habe sie ihre Haare mit Federn oder ähnlichem dekoriert.

 

Der Dorf Besuch war schön und von oben hat man einen tollen Blick auf den Omo Fluss unten im Tal. Gleichzeitig bekomme ich in diesem Dorf gefühlt am wenigsten Zugang zu den Leuten. Sie sind primär damit beschäftigt mich um Geld zu bitten. Daher ist das Karo Dorf nicht auf meiner Top Highlight Liste.

 

Die Gruppe der Nyangatom - Tradition trifft auf moderne Fashion-Elemente

 

Als wir bei den Nyangatom ankommen, werden wir von einer Frau in Empfang genommen, die so alt wie Methusalem ist. Ist sie auch wirklich! Zumal für hiesige Verhältnisse. Sie ist über 90 und damit die dorfälteste Frau. Sie ist wahnsinnig zerbrechlich und überraschend groß gewachsen, auch wenn sie leicht gekrümmt geht. Ihre Haare sind weiß und bilden einen starken Kontrast zu ihrer Haut. Auf einem Auge scheint sie blind zu sein. Doch sie erkennt Mehari sofort und nimmt ihn liebevoll in den Arm. Da ich direkt neben den beiden stehe, nimmt sie meine Hände zur Begrüßung in die Hand. Sie sind ganz rau und trocken. Fast knusprig, könnte man sagen. Man kann ihnen anfühlen, dass sie viele Jahre harte Arbeit hinter sich haben. Sie trägt einen Sorong in gedeckten Blau und Orange Tönen mit Mandala-ähnlichem Muster und dazu farblich passende Ketten auf dem sonst freien Oberkörper. Zusätzlich hat sie einen modernen Camouflage Geldbeutel um den Hals hängen, den sie aber nach hinten hängt, als wir fragen, ob wir Fotos von ihr machen dürfen. Selbstwertgefühl ist ein kostbares Gut, was sie durch jede Faser ihres Körpers nach außen hin ausdrückt.

 

Im Hintergrund hört man schon eine Lawinen an begeisterten Kindern anrollen. Sie sind zwischen 2 und 6 würde ich schätzen.. Gemeinsam mit ihnen gehen wir in das Dorf rein. Dort warten weitere Frauen, die traditionelle Kleidung tragen und mit opulentem Halsschmuck verziert sind. Ihre Kleidung besteht aus mit bunten Perlen besticktem Leder, das ein bisschen wie eine Schürze angelegt wird. Die jüngeren Frauen tragen auch Kleider oder Röcke. Der Halsschmuck besteht aus hunderten von Perlenketten, die in Farbgruppen sortiert sind und bestimmt an die 20cm hoch gestapelt sind und somit den Hals gestreckt erscheinen lassen. Einige Ketten sind lose gestapelt, andere sind auf Draht aufgezogen und somit stabiler. Die Halsketten sind das Zeichen für verheiratete Frauen und werden auch im Alltag getragen. Einige Frauen tragen auch Kopfschmuck aus selbigen Perlenketten. Wer noch einen draufsetzen möchte, bringt silberne Anhänger als Dekoration an oder hochgesteckte Aufbauten, von denen dann weitere Perlenbändel runterhängen. Es ist wunderschön und farbenfroh - ich bin ganz begeistert! Erst am Abend als ich die Fotos noch mal genau ansehe, stelle ich fest, dass ich in meiner ganzen Begeisterung überhaupt nicht gemerkt habe, dass die silbernen Anhänger alte Uhrarmbänder sind und die hochgesteckten Aufbauten fesche Sonnenbrillen! Herrlich, ich liebe es! Mal wieder ein Zeichen, dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind und dass man wundervoll und stilvoll upcyclen kann, wenn man nur will. Daran sollten wir uns zu Hause mal ein Beispiel nehmen.

 

Um die wuselnden Kinder in Schach zu halten, zettelt Mehari eine gemeinsame Liederrunde an. Zwei Sachen funktionieren hier bei Kindern IMMER! Singen und Tanzen. Sofort führen uns 30 Kinder einen Tanz mit Gesang vor, bei dem um die Wette getanzt und leidenschaftlich angefeuert wird. Am Ende gewinnt dann einer das Dance Battle.

 

Ein kleines Mädchen möchte meine Spiegelreflex Kamera genauer ansehen und auch mal ein Foto machen. Während ich die schwere Kamera halte, geht sie ganz vorsichtig vor und drück so zaghaft den Knopf, dass die Kamera nur scharf stellt, aber nicht auslöst. Ich helfe dann etwas nach und drücke vorsichtig ihr kleines Fingerchen runter. Diese Behutsamkeit ist sehr repräsentativ für die Kinder, die ich hier erlebt habe. Sie gehen insgesamt sehr vorsichtig mit uns um. So richtig wohlerzogen, würde man zu Hause sagen.

 

Exkurs - fehlende Spiegel und die Magie von Fotos!

Hier, wir auch in anderen Dörfern, ist es ein Highlight für die Kinder, wenn ich Selfies mit ihnen mache. Oder auch Fotos von ihnen mache und sie ihnen anschließend zeige. Was wichtig zu wissen ist, es gibt hier keine Spiegel. Spiegel sind ein Luxusgut, was es weder in diesem Dorf gibt, noch in den anderen Dörfern, die wir bisher besucht haben. Dadurch wissen die Leute häufig nicht wie sie selber aussehen. Klingt unwirklich, ist aber so! Beim Selfie knubbeln sich alle eng um mich rum, um „den Spiegel“ zu sehen und wenn ich ihnen anschließend das Bild zeige, sind sie voller Aufregung und erkennen in der Regel alle anderen, nur nicht sich selbst. Das Ganze löst pure Begeisterung bei ihnen aus.

 

Die Gruppe der Arbore - Die Hüter der Rinder

 

Bevor wir uns langsam vom Süden verabschieden, besuchen wir zuletzt noch die Arbore. Sie sind eine kleine Volksgruppe mit knapp 3.000 Zugehörigen und sie leben in Steppen-Landschaft. Übersetzt bedeutet Arbore so viel wie Bullen-Land. Kein Wunder, dass sie primär von Vieh leben. Das Gelände ist viel größer als in allen anderen Dörfern, die wir bisher gesehen haben. Zu gerne würde ich wissen, wie viele Rinder hier abends zusammenkommen. Tagsüber sind sie mit den jungen Männern unterwegs zum Grasen. Wir finden im Dorf Zentrum zwei Gruppen. Die Männer auf der einen Seite, aufgereiht auf dem Boden sitzend und die Frauen auf der anderen Seite mit Kindern unter einem Baum im Schatten sitzend. Die Kinder rennen großteils nackig durch die Gegend. Sie sind meistens gut in Staub paniert und alle wollen voller Begeisterung Klatsch-Spiele mit uns spielen, wie ich sie auch aus meiner Kindheit kenne. Danach sind meine Hände so klebrig, dass ein Blatt Papier daran kleben bliebe, wenn ich es anfassen würde.

 

Die Häuser hier sind rund gebaut und von oben bis unten aus Stroh. Quasi wie ein riesengroßes Dach, das auf den Boden gestellt wird. Davor wird noch ein akkurat gebautes und lang gestrecktes Rechteck aus Ästen als Eingangsbereich gesetzt. Dadurch bleibt der Eingang schattig und das ganze wirkt wie eine Klimaanlage für die Häuser. 

 

Bei den Arbore ist es übrigens noch üblich zu beschneiden. Die Frauen werden erst kurz vor der Hochzeit beschnitten. Die Jungen werden im Alter von ca 7 Jahren beschnitten. Wobei das Geburtsjahr in Südäthiopien nicht wirklich festgehalten wird, daher kann einem auch niemand sagen wie alt er genau ist.

 

Insgesamt haben die Arbore immer wieder Schwierigkeiten mit Krankheiten. Aids ist wohl recht verbreitet und bei den Kindern sieht man, dass vielen stellenweise die Haare ausfallen und sie mit irgendeinem Mittel eingecremt sind. Vielleicht Milben?!

 

Straßensperrung und Krisenstimmung auf dem Weg nach Arba Minch

 

Es wird Zeit den Süden und seine vielfältigen Völker zu verlassen. Heute soll es ein ganzes Stück weiter Richtung Norden gehen, nach Arba Minch. Nach reichlich Vormittagsprogramm kehren wir in der Kanta Lodge in Konso noch mal zum Lunch ein. Doch plötzlich eine unerwartete Info: wir können erstmal nicht weiterfahren. In der Gegend, in der es schon vor einer Woche gekriselt hat, als wir die Borana besucht haben, sind nun politische Aufstände und das Militär ist eingeschritten und hat die Straße gesperrt. Was genau alles passiert ist weiß ich nicht, aber es ist Waffengewalt im Spiel. Nachdem wir noch mal 1-2 Stunden warten, um zu sehen, ob sich etwas an der Situation ändert, wird die Entscheidung getroffen, dass wir noch mal eine Nacht in der Kanta Lodge übernachten. Es ist ein schönes Hotel und auf Schusswaffen habe ich auch keine Lust, also soll es mir recht sein.

 

Am nächsten morgen um 8:00h brechen wir auf, um unser Glück zu versuchen. Angeblich hat sich die Lage etwas gebessert und wir hoffen, dass die Straße öffnet bis wir ankommen. Es regnet in Strömen, was der angespannten Stimmung nicht zuträglich ist. Unterwegs müssen wir mehrere, durch den Regen entstandene Flüsse überqueren. Die Straße gleicht einer abenteuerlichen Off-Road Tour. Mehari ist sehr angespannt und so gesprächig und freudig er sonst ist, heute redet er kein Wort. Irgendwann erreichen wir das Ende einer Autokolonne. Immer wieder sieht man Militär mit Maschinengewehren rumlaufen. Er steigt aus, schließt den Wagen ab (mit uns darin) und geht nach vorne, um sich zu erkundigen wie die Lage ist. Wir sind mitten in einem sehr kleinen Dorf, wo eindeutig nie ein Touri Bus hält. Es dauert nicht lange bis unser Auto von beiden Seiten von Jugendlichen umstellt ist. Sie sehen uns skeptisch an und kommen immer enger ans Auto ran. Andreas sitzt heut vorne und hält die Jungs bei offenem Fenster gut bei Laune. Das lockert die Stimmung. Ich lasse mein Fenster trotzdem lieber geschlossen. Die Situation ist mir nicht geheuer. Vor uns sind parkende Autos, hinter uns sind parkende Autos. Wenn hier die Stimmung kippt, gibt es kein Herauskommen. Das Ganze macht mich etwas nervös.

 

Irgendwann kommt Mehari zurück und eröffnet, dass wir uns nun erstmal in eine lokale Bar ein paar hundert Meter weiter setzen, da es hier noch etwas dauern wird. Ich bin froh, dass er wieder da ist, so bin ich mir sicher, dass uns nichts passieren wird! Wir fahren in einen überfüllten Innenhof und setzen uns unter verblüfften Blicken zu den Locals in die Bar. Es läuft Fußball und es taumeln ein paar Betrunkene durch die Gegend. Die Bar wirkt posh für lokale Verhältnisse, mit bunten Leuchtröhren und diversen Tapeten an den Decken. Nach ca einer Stunde heißt es Abbruch. Wir fahren wieder zurück in die Kanta Lodge, da sich hier nichts bewegt und sich auch die Stimmung nicht bessert.

 

Es heißt also wieder warten. Wir stellen uns schon alle darauf ein, dass wir eine weitere Nacht hier in der Kanta Lodge verbringen werden, doch plötzlich heißt es los geht’s! Im Affenzahn preschen wir zum zweiten Mal die Straße Richtung Arba Minch hoch. Ich finde das alles sehr aufregend. Die Straße ist tatsächlich frei, wo wir heute früh noch ewig lang gewartet haben. Es sind 5 km, die besonders kritisch sind. Mehari gibt Gas und redet wieder kein Wort. Wir kommen durch ein Dorf, in dem man sieht, dass es hier gestern gebrannt hat. Der Boden ist ganz verrußt und man sieht noch das Holz glimmen. Wir rasen weiter. Etwas später fahren wir an Militärs vorbei. Alle haben ihre Waffen griffbereit im Arm. Dann folgt ein ausgebranntes Tuktuk, eine tote Kuh und dann ein ausgebrannter Jeep. Es ist schon echt gruselig. Irgendwann kommt Entwarnung - die schlimmsten 5 km liegen hinter uns. Zum Abschluss fahren wir noch durch eine Militärkontrollstation, bei der Mehari ohne zu zögern an der ganzen Warteschlange an LKWs und Bussen vorbei prescht, gerade zu auf den Check Point. Die anderen Autofahrer sind stink sauer und so ziemlich alle schimpfen uns hinterher. Doch das ist ihm egal, Hauptsache er bringt uns hier raus. Zum Glück lassen uns die Militärs problemlos passieren. Da ist uns unser Touri-Dasein denke ich zu Gute gekommen. Berichterstattungen, dass hier in der Gegend Reisende zu Schaden gekommen sind, will hier bestimmt keiner.

 

Als wir aus der Zone raus sind fällt Mehari und auch den anderen Fahrern sichtlich eine riesige Last von den Schultern. Man merkt die Erleichterung und das Aufatmen. Die Gesamtsituation war wirklich kribbelig und wir alle stoßen heute Abend darauf an, dass wir es heil geschafft haben.

 

Die Gruppe der Dorze - Rasta Feeling im Hochland

 

Nach den Strapazen des gestrigen Tages sind wir alle etwas geschafft. Mal abgesehen davon, sind wir alle mit reichlich Impressionen von den letzten zwei Wochen gefüllt und eigentlich brauch ich nicht noch einen Stamm sehen und noch eine Aktivität machen. Aber ich will es mir natürlich auch nicht entgehen lassen. Also geht es noch zu den Dorze.

 

Dorze heißt übersetzt auch Weber. Baumwolle und Weben ist in der Tat eine ihrer Spezialitäten. Die Dorze wohnen auf über 2000 Höhenmetern, wo es schwierig ist das Hauptgetreide von Äthiopien - Teff - und andere Getreidesorten anzubauen. Sie leben primär von False Banana und dem Brot was sie aus der fermentierten Wurzel der False Banana machen. Eine Alternative zu Injera (dem Pfannkuchenbrot, was ich in Teil 1 geschildert habe). Die Leute erinnern mich optisch an die Menschen, die ich in der Karibik gesehen habe. Die Frauen tragen weiße Baumwolltücher, mit bunten Akzenten. Die Männer sind modern gekleidet, haben im Ursprung wohl aber eher bunte Stoffanzüge und Felle getragen. Der König des Dorfes sieht aus als käme er geradewegs aus Jamaika. Insgesamt fühlt es sich hier recht inszeniert an. Es ist interessant zu sehen, aber nur zum Teil authentisch.

 

Nachdem wir uns anschauen wie Baumwolle zu Garn gesponnen wird und das False Banana Brot gemacht wird, geht es zur Verkostung. Der König ist schon etwas speziell und wir fragen uns, ob da schon der ein oder andere Joint heute inhaliert wurde. Jedenfalls besteht er darauf, dass er uns mit dem False Banana Brot, welches er in Honig und scharfe Gewürze dippt, füttert. Das ist der Moment wo einige schweigend Reißaus nehmen und den Raum verlassen. Gottseidank sitze ich zu weit von ihm weg, als dass er mich füttern könnte. Ich muss sagen, da wäre auch meine Schmerzgrenze erreicht :D Zum Schluss müssen wir noch alle den selbstgebrauten Schnaps trinken.

 

Spannend finde ich die Architektur hier. Die Häuser sind bis zum Boden hin aus Stroh gemacht und sehen aus wie Elefantenköpfe, mit Augen und der großen Nase. Die Häuser werden ca 13m hoch gebaut, weil die Termiten über die Zeit das Haus Stück für Stück fressen und es dadurch immer kürzer wird. Alle 5 Jahre muss die Tür nachgeschnitten werden, da sie sonst irgendwann im Boden versinkt. Im Haupthaus wohnen sowohl die Kühe und Ziegen, als auch die Familie. Die Kinder haben eine Art Stockbett. Die Eltern eine Schlaf-Nische. Es gibt nur einen einzigen Eingang. Das ist sonst unüblich. Normalerweise haben die meisten Häuser einen separaten Ein/Ausgang für die Tiere, auch für denn Fall, dass die Hütte mal Feuer fängt.

 

Lake Chamo Nationalpark - den Krokodilen auf der Spur

 

Um auch wirklich nichts auszulassen machen wir noch eine Bootsfahrt auf dem Lake Chamo. Sein Wasserspiegel ist über die letzten Jahr auf Grund des Regens mächtig gestiegen und somit fährt man erstmal an ehemaligen Offices des Nationalparks vorbei, die bis zum Dach unter Wasser stehen. Es sind auch reichlich tote Baumstämme im Wasser, die den Vögeln aber scheinbar ganz gelegen kommen. Von hier aus haben vor allem die Fischadler hervorragenden Blick auf die Umgebung. Ziel der Tour ist es, Krokodile zu sehen. Tatsächlich sehen wir auch gleich mehrere. Freischwimmend und auf dem Land. Mal wieder haben wir Glück. Die gestrige Gruppe hat kein Einziges gesehen.

 

Fazit

 

Äthiopien hat mich zutiefst beeindruckt und ich kann nur jedem empfehlen, dieses vom Tourismus noch kaum erschlossene Land zu bereisen. Man muss im Komfort ein paar Abstriche machen, die aber alle durchaus verkraftbar sind. Im Gengenzug kann man in eine Welt eintauchen, wie man sie sonst nur in Dokumentationen von National Geographics zu sehen bekommt.

 
 
 

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