Wildes Vanuatu - Teil 1
- carolinbiermann
- 6. Juni
- 17 Min. Lesezeit
TEIL 1
Vorwort
Vanuatu ist so ziemlich das exotischste Ziel auf meiner Reise. Ich habe mich ganz besonders hierauf gefreut und lange auf dieses Highlight vor Weihnachten hingefiebert. Ich möchte nicht lügen: Es hat mich vor mehr Herausforderungen gestellt, als ich geahnt habe. Hier ein paar Learnings:
Reiseplanung
Die Vorbereitungen für diesen Abschnitt waren herausfordernd, da das Land sehr ursprünglich ist. Informationen sind schwer zu erhalten und die Logistik ist aus der Ferne kompliziert zu organisieren. Inlandsflüge kann man beispielsweise nicht einfach online buchen; man muss im Office in Vanuatu anrufen oder eine E-Mail senden. Auch aktuelle Flugpläne gibt es online nicht – man muss sie telefonisch Wochentag für Wochentag erfragen. Fährenpläne lassen sich nur über Facebook anfragen, wobei man davon ausgehen muss, dass Abfahrten spontan um mehrere Tage verschoben werden.
Plebs oder Adel
Bei den Unterkünften gibt es kaum ein Mittelmaß: Entweder man wählt teure Luxushotels oder schwer auffindbare, sehr einfache Homestays. Eine Mittelklasse fehlt. Selbst die teuren Hotels haben ihre Tücken: Baumaterialien und Ersatzteile sind schwer zu bekommen, was die Preise hebt, auch wenn das Angebot an sich nicht exklusiv wirkt. Zudem entspricht der „westliche Standard“ nicht dem lokalen Leben. Die Einheimischen haben daher oft wenig Gespür für Instandhaltung oder Details, die Reisenden wichtig sind – wie etwa zuverlässig warmes Wasser.
Ein Land, viele Kulturen
Vanuatu besteht aus 83 Inseln, zwischen denen teils große Distanzen liegen. Die kulturellen Unterschiede sind enorm. Auf Tanna etwa sind die Menschen sehr ernst. Während mir auf Fidschi jeder ein freundliches „Bula“ und ein Lächeln schenkte, muss man den Leuten hier ein Lächeln mühsam abringen; zurückgewunken wird kaum. Ich werde oft ernst gemustert, und proaktive Kontaktaufnahme findet selten statt. Mein Eindruck: Die Menschen sind untereinander sehr eng, betrachten Ausländer aber eher als „necessary evil“ (notwendiges Übel). Sie bringen zwar Einkommen, stören aber potenziell die lokale Kultur. Auf der Insel Efate hingegen wurde ich sehr freundlich aufgenommen und in jeder Situation fürsorglich unterstützt.
Rollenverteilung
Die Gesellschaft scheint noch sehr patriarchalisch geprägt zu sein. Männer fahren Autos, regeln die Geschäfte und trinken Kava. Frauen bleiben eher im Hintergrund, kochen, weben Bastmatten und verhalten sich ruhig. Auch beim Homestay sollte man davon ausgehen, dass der Gastgeber die männlichen Gäste zum Kava trinken einlädt, die weiblichen aber nicht. Gleichzeitig besteht jedoch die Möglichkeit, dass sich in der Dunkelheit die Frauen der Gastgeber eigenständig machen und die weiblichen Gäste zu einer separaten Kava Session abholen: „I like the dark, because I can do whatever I want to do and nobody‘s going to see it.“
Kommunikation - Die Macht des Telefons
Es gilt das gesprochene Wort. Etwas Schwarz auf Weiß zu haben, ist nicht unbedingt von Bedeutung. Selbst wenn du eine schriftliche Bestätigung hast, dass du das Baumhaus gebucht hast, heißt es noch lange nicht, dass das Baumhaus auch für dich reserviert ist. Wenn man jedoch telefonisch mit einem „Bob“ vereinbart, dass er am Sonntag am Flughafen zur Mietwagenübergabe bereitsteht, kann man sich darauf verlassen. Man sollte also unbedingt eine lokale SIM-Karte für das Handy haben, um Leute anrufen zu können.
Zeit und Kosten
Zeit ist hier sehr dehnbar. Wer hier feste zeitliche Pläne machen möchte, wird scheitern. Besser ist es, sich Aktivitäten für den gesamten Zeitraum vorzunehmen, sie zu priorisieren und dann zu schauen, wie weit man kommt. Zudem sollte man bedenken, dass Vanuatu ein kostspieliges Reiseziel ist - um nicht zu sagen ein Groschengrab. Obst und Gemüse sind günstig, da sie lokal wachsen. Transportmittel (Flüge, Mietwagen, Taxis) und Importgüter wie Milch und Eier sind jedoch aufgrund fehlender eigener Ressourcen echt kostspielig.
Fazit:
Vanuatu ist landschaftlich wunderschön und kulturell unverfälscht – ein Paradies für alle, die abseits ausgetretener Pfade reisen wollen. Es ist jedoch ein Ziel für Fortgeschrittene oder „Tiefenentspannte“, da es ein gewisses Maß an Chaos mit sich bringt und die Bevölkerung eher zurückhaltend ist.
Tagebuch:
Ankunft in Port Vila
Mein Flug von Taveuni nach Nadi und weiter nach Port Vila verläuft problemlos. Dennoch ist es ein langer Tag und ich bin erschöpft, als ich lande. Der Flughafen ist winzig, die Immigration in fünf Minuten erledigt, und das Gepäck wird manuell auf eine Auslage gelegt.
Bevor ich zum Shuttle gehe, ziehe ich Geld am Automaten und will eine SIM-Karte kaufen. Die Dame am Digicel-Stand wirkt jedoch völlig überfordert. Als hätte sie noch nie eine SIM-Karte verkauft, muss sie sich erst einmal sammeln. Dann möchte ich auch noch per Karte zahlen - oh je. Da muss sie erstmal das Kartenlesegerät an den Strom anschließen. Es dauert sage und schreibe 30 Minuten, bis die SIM-Karte aktiviert ist. Mein Hinweis, dass ich mich wirklich beeilen muss, weil mein Shuttle wartet, macht sie so nervös, dass sie zu zittern beginnt. Ach herrje! Nachdem sie gefühlt 100 verschiedene Nummern wild auf dem Handy eingegeben hat funktioniert es endlich – eine schwere Geburt!
Leider ist dann aber mein Shuttle weg; der Stand ist bereits geschlossen. Der Anbieter hat den Stand einfach geschlossen. Shit, ich habe es befürchtet. Ich versuche im Hostel anzurufen, doch da geht keiner ans Telefon. Grrr, was für ein chaotischer Auftakt ins neue Land. Nach viel Rumfragerei findet sich dann doch noch ein Shuttle Fahrer. Er schaut mich erst ungläubig an, stellt dann aber fest, dass er tatsächlich für mich zuständig ist. Na Halleluja! Dann kann‘s ja losgehen. Im Hostel kann ich schließlich in mein Mehrbettzimmer einchecken, das mit winzigen Fenstern und zugezogenen Vorhängen wenig Charme versprüht.
Erster Eindruck: Vanuatu ist eindeutig nicht so organisiert wie Fidschi!
Auf zum vierten Element: Der Vulkan auf Tanna
Am nächsten Morgen fliege ich nach Tanna. Am Flughafen ist kaum Betrieb. Mein Boardingpass wird per Hand auf ein Stück Papier geschrieben, und ich muss samt Handgepäck auf die Waage, damit der Flieger gleichmäßig beladen werden kann. Wir starten in einer winzigen Maschine mit nur sieben Reihen gen Süden. Mein Gastgeber Thomas holt mich und zwei Japaner, die in der gleichen Lodge wohnen, pünktlich mit dem Jeep ab.
Ich dachte die Fahrt zur Lodge würde nur 30 Minuten dauern, doch da habe ich mich eindeutig getäuscht. Auf dem Weg halten wir an einem Mango- und Ananas-Stand. Die Frauen dort haben süße Taschen aus Palmenblättern geflochten, in denen sie die selbstgesammelten Mangos portioniert haben. Der Stand sieht unheimlich süß aus und ich bin total begeistert. Was mir bei meinem Excitement auffällt ist, dass die Damen am Stand auffällig reserviert sind. Sie reden nicht, lächeln nicht und auch ansonsten kommt keine emotionale Rückmeldung. Selbst beim Bezahlen gibt mir zunächst niemand ein Zeichen, wer das Geld entgegennimmt.
Danach geht es zum Lenakel Market - einem Markt für Obst und Gemüse. Wir sollen uns 30 Minuten umsehen, während Thomas Besorgungen macht. Ich kaufe frische Erdnüsse, Bananenchips und Limetten. Auch hier sind die Leute sehr verhalten. Es ist wirklich eine Kunst ihnen ein Lächeln zu entlocken. Am Treffpunkt warten wir schließlich fast eine Stunde in der prallen Sonne, bis Thomas zurückkehrt. Danach fährt er mit uns noch Brot und Gemüse einkaufen, sammelt verschiedene Leute ein, setzt andere ab. Diese Tour nimmt irgendwie kein Ende und ich werde zunehmend müder. Ich würde ja gern etwas schlafen, aber die Straße ist weitgehend ungepflastert und extrem hubbelig. Nach über 3 Stunde kommen wir endlich in der Lodge an. Tatsächlich liegt sie direkt am Fuße des Vulkans.
Beim Einzug ins Baumhaus gibt es auch noch Chaos bzgl der Zimmeraufteilung und ich bin so müde, dass ich alles einfach nur noch anstrengend finde. Doch obwohl ich völlig k.o. bin, lasse ich mich überreden, direkt an der Vulkantour teilzunehmen – das Wetter ist gerade gut, und das ist hier keine Selbstverständlichkeit. Also, auf geht’s.
Um 17:00 Uhr gibt es ein Briefing: Der Vulkan Yasur hat Aktivitätslevel 2 - was ziemlich aktiv ist. Mit Jeeps fahren wir (ca 15 Personen) nach oben, gefolgt von einem steilen, zehnminütigen Aufstieg zur Kraterkante. Es ist wahnsinnig windig; ich halte mich auf der Luv-Seite, um ja nicht in den Vulkan hineingeweht zu werden. Gut, dass ich noch schnell eine Windjacke eingesteckt hatte. An der Kante entlang laufen wir noch mal etwas weiter bis wir zum besten View Spot kommen.
Zunächst ist es noch hell und der Vulkankrater wird von dicken Rauchschwaden verhüllt. Weiß, Gelb und Schwarz mischen sich - Wasserdampf, Suphat und Asche. Es stinkt so sehr nach Schwefel, dass es schwer ist einzuatmen, und der Wind peitscht uns Aschekörner entgegen, bis meine Beine picksen und meine Jacke „paniert“ ist. Plötzlich: Ein lautes Grollen, der Boden bebt! Lava schießt empor – orangene Spritzer in der Dunkelheit. Es ist beeindruckend und furchteinflössend zugleich. Was für ein Privileg hier sein und das sehen zu dürfen.
Damit habe ich auch das letzte der vier Natur-Elemente auf meiner Reise erfüllt. Ich bin stolz und gerührt zugleich. So viele Monate habe ich an der Reise gebastelt und nun sind die wichtigsten Meilensteine besiegelt. Gleichzeitig bedeutet es, dass der Wendepunkt meines Sabbaticals erreicht ist und nicht mehr all zu viel Zeit vor mir liegt, bis ich wieder zurück nach Hause muss. Doch daran mag ich jetzt noch nicht denken.
Nachts liege ich im Baumhaus, höre den Vulkan donnern und spüre das Beben. Es ist ein bisschen so, als wenn eine Türe zuschlagen würde. Wundervoll.
Custom Village und Sulphur Hot Springs
Am nächsten Morgen herrscht wieder Chaos. Thomas bringt die Japanerin zum Flughafen und damit der übrige Japaner und ich Programm haben, empfiehlt er einen Besuch im Yanakel Custom Village und Nachmittags die Hot Springs. Thomas meint, die Show im Custom Village begänne um 9:00 Uhr, und wir müssten wegen der 45 Minuten Fußweg sofort los. Ok, ok, gestresst renne ich ins Baumhaus hoch um meine Tasche und die Kamera zu packen. Doch als ich wieder zur Frühstücks-Hütte runtergerannt komme, ist keiner mehr da! Weder der Japaner, noch Thomas noch sonst wer von der Familie. Ich warte und warte und warte. Zwischenzeitlich kommt zumindest der Japaner zurück. Doch um 8:45h verliere ich die Geduld und schimpfe vor mich hin. Erst der Stress und dann ist keiner da. Und die Tour verpassen wir auch noch.
Schließlich hört Thomas‘ Sohn mein Gemecker und bemüht sich aus dem Hinterhaus heraus. Er führt uns durch tropische Wälder hindurch mit üppig grüner Vegetation, vorbei an gigantischen Banyan Bäumen, die quasi nur aus Wurzeln bestehen und an Dörfern, in denen Schweinchen und Hühner wild rumlaufen.
Irgendwann erreichen wir das Dorf Yanakel. Ein paar in Baströcken gekleidete Damen legen Ketten mit Wildschweinzähnen, Muscheln und andere lokalen Dingen aus. Es gibt einen kleinen Unterstand, mit zwei Bänken - das ist die Zuschauertribüne. Wir sind auf einem kleinen, freien Plateau; etwas höher am Berg. Von hier aus hat man einen unglaublichen Blick über den Urwald und im Hintergrund thront Mount Yasur. Nicht zu schlagen, diese Aussicht.
Dann geht es los. Es stellt sich heraus: Die Show wird nur für uns zwei Touristen veranstaltet. Die Eile war also völlig umsonst - sie haben eh nur auf uns gewartet. Acht Frauen in Baströcken führen verschiedene Tänze auf. Sie haben auch gefüllte Basttaschen, die sie als Trommeln nutzen und somit Musik machen, während sie beim Tanzen singen. Der geheime Star der Show ist ein dreijähriges Mädchen. Sie läuft voller Selbstbewusstsein in ihrem Röckchen zwischen den Frauen umher, grooved ein bisschen zur Musik und wenn ihr danach ist, haut sie auch mal auf ihre Mini-Taschentrommel. Sehr putzig. Danach kommen die Männer, geschmückt mit Blätterkronen und -Ketten. Sie zeigen wie man Feuer macht und andere nützliche Tricks aus dem traditionellen Leben in der freien Natur.
Nach ca. 20 Minuten und einem obligatorischen Tanz, bei dem der Japaner und ich peinlich mittanzen müssen, ist alles vorbei. Die Show war unterhaltsam aber auch ein wenig bizarr, da wir die einzigen Zuschauer waren. Für die 10€ Eintrittsgeld, die sie von uns zusammen erhalten haben, hat sich das sicher nicht gerechnet. Um die Community zu unterstützen kaufe ich zumindest noch eine Muschel und hoffe, dass ich sie bei der Ausreise rausschmuggeln kann, ohne im Vanuatischen Knast zu landen. Denn der ist hier bestimmt nicht schön.
Nachmittags fahren wir zu den Hot Springs. Thomas nimmt spontan 20 Kinder auf der Ladefläche mit. Es ist ein wildes Gewusel und die Kinder glucksen vor Freude über den Ausflug. Die Quellen liegen direkt am Meer, in tiefschwarzem Sand. Die beiden sind durch eine kleine Schneise verbunden. Je nach Ebbe oder Flut mal mehr und mal weniger. Während das Meer wild tobt, ist das flache Wasser in den Quellen durch das Vulkangestein badewannenwarm. Eine Einheimische taut langsam auf, als ihre Tochter fasziniert immer wieder meine weißen Waden antippt. Wir unterhalten uns ein wenig, während ich das warme Süßwasser genieße.
Zurück in der Lodge treffe ich auf neue Gäste: Jade, eine laute, aber amüsante Australierin, und Michael, einen 70-jährigen Kanadier, der ein bisschen wie Jack Sparrow ist, sich aber wesentlich ernster und wichtiger nimmt. Jade scheint ihn auf Efate „adoptiert“ zu haben, weil er selber keinen Plan hatte. Ich bewundere ihre Gelassenheit. Ich hätte hier niemanden adoptiert. Schon gar nicht Michael.
Abenteuer Wanderung und Reflexion
Heute Früh fährt Thomas den Japaner zum Flughafen – was bedeutet, dass er mindestens vier Stunden unterwegs ist. Ich würde heute gerne schnorcheln gehen, also empfiehlt er uns Port Resolution und den White Sand Beach zu besuchen. Er nimmt mich, Jade und Mike ein Stück mit und setzt uns am Rande des Dschungel ab mit den Worten: „It‘s just 30 minutes walk“. Tja, was soll ich sagen. Nach 1:40 h des Schwitzens, Sich-Verlaufens und reichlich Fluchens kommen wir endlich am Strand an. Nur um dann festzustellen, dass das Meer und die Wellen so stürmisch sind, dass wir nicht mal schwimmen gehen können, geschweige denn schnorcheln. Das angekündigte Restaurant hat geschlossen und dann fängt es zu allem Überfluss auch noch zu regnen an! Na wunderbar.
Zwischendurch hatten wir wirklich keinerlei Empfang mehr und wussten überhaupt nicht, wo wir sind. Menschen gab es auch weit und breit keine. Die zwei anderen haben sich mit dem Wetter und der Lauferei schwergetan; es war auch wirklich sehr schwül und wir hatten reichlich Tagesgepäck zu schleppen. Tiefpunkt war wahrscheinlich, als wir den Black Sand Beach erreicht haben. Denn es war eindeutig nicht der White Sand Beach ;) und nach Schnorcheln sah das hier auch nicht aus. Zu dem Zeitpunkt war ich wirklich genervt und motzig. Immerhin habe ich dann ein Menschlein in der Entfernung gesehen, zu dem ich dann hingejoggt bin. Der Mann konnte uns zum Glück sagen, dass wir hier am Port Resolution sind und rechtsherum laufen müssen, um zum White Sand Beach zu kommen. Als wir endlich das Dorf erreicht haben, war es wie ausgestorben. Ein paar Meter weiter wird auch klar warum: alle, wirklich ALLE waren in der Kirche. Schließlich ist es Sonntag. Die Kirchen hier sind – wie auf Fidschi – eher offene, überdachte Plätze statt geschlossener Häuser. Ähnlich wie ein überdachter Marktplatz, wo sich dann alle auf den Boden setzen, um dem Priester vorne zuzuhören.
Erschöpft, wie wir waren, haben wir uns am White Sand Beach erstmal auf dem Grünstreifen breitgemacht. Zum Glück hat auch der Regen bald aufgehört. Die nächsten Stunden habe ich unter dem bewölkten Himmel gedöst, dem rauschenden Wind und dem Meer zugehört. Irgendwann so um 13Uhr herum, stellt sich uns dann doch der Koch des Restaurants vor und bietet uns an, ein Gemüse-Omlett zuzubereiten. Top, das nehmen wir! Thomas, der uns eigentlich um 12:00 Uhr abholen wollte, erscheint ganz nach „Vanuatu-Time“ gegen 14:00 Uhr. Nun ist aber das Essen noch nicht fertig - So ein Gemüse-Omelett braucht ja schließlich einiges an Zubereitungszeit ;) Also wartet Thomas geduldig mit uns. Bis wir mit allem fertig und abmarschbereit sind, ist es letztlich 15 Uhr :D So füllt sich ein Tag!
Nachmittags kann ich dann endlich in das obere Zimmer des Baumhauses ziehen, wo ich auch einen traumhaften Blick auf den Vulkan habe. Endlich kann ich mich auf den Plastikstuhl auf dem Balkon setzen, den Blick genießen und erstmals entspannen. Zeit zu Reflektieren:
Was ist es, das mich hier so triggert, dass ich so unglücklich und gestresst bin? Bin ich reisemüde? Habe ich die Homestays einfach satt und brauche inzwischen einfach wieder etwas mehr Komfort? Oder fühle ich mich unwohl, weil ich den Eindruck habe, dass die Familie mich hier eigentlich gar nicht haben will? Ist es die Abstellkammer, in der ich die letzten zwei Nächte geschlafen habe, die meine Stimmung so trübt? Oder vielleicht die Art der Leute, mit denen ich bisher nicht recht warm werde?
Eigentlich drehen sich diese Gedanken alle um die Frage: Sollte ich einen Tag früher hier am Vulkan abreisen und an die Westküste von Tanna umziehen, oder bin ich einfach nur rastlos und muss das hier jetzt einfach mal aushalten und zwangsentspannen? Ich hadere mit mir selber und kämpfe mit der Entscheidungsfindung, komme aber zu dem Entschluss, dass ich umziehen werde. Ich bin 35 Jahre alt und keine 15 mehr und muss nichts mehr aushalten. Wenn es mir hier nicht gut geht und ich mich nicht wohlfühle, – aus welchem Grund auch immer – ist es vollkommen in Ordnung, wenn ich den Plan ändere und abreise. Es ist kein Versagen, auf sein Bauchgefühl zu hören und Pläne anzupassen. Es ist vielmehr Self Care und flexibles Reagieren auf Umstände, die ich falsch eingeschätzt habe bzw. nicht habe kommen sehen.
Zum Glück nimmt Thomas meine Nachricht am Abend gut auf und wirkt sogar irgendwie erleichtert. Sehe ich da ein großes Lächeln auf seinem Gesicht? Bilde ich mir ein, dass er sich zum ersten Mal öffnet, jetzt wo er weiß, dass ich abreise?? Irgendwie irritierend, aber egal, ich muss immerhin kein schlechtes Gewissen haben.
Umzug an die Westküste Tannas
Es gibt schon um 6 Uhr Frühstück, da wir um 7 Uhr aufbrechen möchten, um um 9 Uhr die Blue Cave Tour im Norden der Ostküste zu machen. Thomas fährt uns. Wie immer ist es chaotisch. Das Frühstück lässt bis 6:30 Uhr auf sich warten, doch Thomas erlässt mir freundlicherweise die vierte Übernachtung als es um die Rechnung geht.
Nach kurzer Verwirrung mit Mick, der pünktlich zur Abfahrtszeit aufkreuzt, aber erst mal Kaffee trinken möchte und kein Bargeld hat, um seine Unterkunft und Nebenkosten zu bezahlen, machen wir uns auf den Weg. Ein letztes Mal an dem Vulkan vorbei, über die Asche-Ebene und entlang der pink gefärbten Hügel.
Auf dem Weg fahren wir beim ATM vorbei, damit Jade und Mick ihre Schulden begleichen können. Doch wie das Schicksal so spielt, ist der Automat leer und sie kriegen kein Cash. Ich halte mich schön bedeckt, da ich gar keine Lust habe, irgendwelche Kredite zu verteilen. Als weit gereiste Reisende hätten die beiden sich denken können, dass sie hier nicht mit Kreditkarte durchkommen. Dann will Mick auch noch auf Flip-Flop-Shoppingtour gehen, obwohl wir weder Zeit noch Geld haben! Pleite und schuhlos fahren wir also weiter. Die Zeit wird langsam knapp.
Nun eröffnet Thomas, dass er noch eine neue Besucherin am Flughafen abholen muss, bevor wir zur Blue Cave fahren. OK – liegt auf dem Weg, kein Problem. Keine Ahnung, wie lange das Mädchen da schon stand, aber als wir ankommen, ist definitiv weit und breit niemand anderes mehr am Flughafen! :D Da wir es eilig haben, überschütten wir sie mit der Option, uns auf die Blue Cave Tour zu begleiten. Ohnehin würde sie sonst drei Stunden im Auto sitzen und auf uns warten. Wir drücken sie förmlich in den Pick-up rein, um noch pünktlich zur Tour zu kommen, und Gott sei Dank spielt sie mit ihren zarten 19 Jahren das ganze Chaos mit Humor mit.
Schlussendlich sitzen wir also zu viert im Boot und werden eine knappe Stunde die Küste Richtung Norden hochgefahren. Eine von uns hat ihre Flossen vergessen, die Neue hat gar keine Ausrüstung dabei, weil wir ihr nicht mal gesagt haben, was die Blue Cave überhaupt ist, ich besitze keine Flossen und Mick ist quasi taub, da er wegen des Wassers das Hörgerät ablegen musste. :D Mit anderen Worten: Es läuft bestens! Wir sind ein einziges Gruselkabinett. Aber immerhin bester Laune!
Als wir ankommen, ist Flut, weshalb wir nicht einfach in die Höhle reinschwimmen können, sondern unter den Felsen durch in die Höhle reintauchen müssen. Zum Glück bin ich auch ohne Flossen eine gute Schwimmerin und komme easy in die Höhle rein. Die anderen kommen ebenfalls gut durch. Als ich auf der anderen Seite an die Wasseroberfläche komme, fühle ich mich wie in einem Film. Die Höhle hat oben in der Felsdecke ein Loch, durch das die Sonne wundervoll reinscheint. Man kann die Lichtstrahlen förmlich sehen und sie lassen das glasklare Wasser in wunderschönem Türkis erstrahlen. Drumherum sind lilafarbene Felsformationen. Es ist wirklich toll. Wir verbringen eine gute Stunde hier. Schwimmen, schnorcheln, planschen. Es ist einfach witzig und schön.
Auf dem Rückweg wird es im Boot dann ganz schön kalt und plötzlich regnet es auch noch in Strömen. Ein Phänomen, das ich eh mit Tanna verbinde. Das Wetter wechselt in kürzester Zeit! Bei Regen sammelt uns Thomas ein und setzt mich ein paar hundert Meter weiter in meinem neuen Hotel ab, bevor er mit den anderen noch mal die ATM-Mission weiterverfolgt. Unsere Wege trennen sich hier.
Was habe ich mir schwergetan mit der Entscheidung, meinen Aufenthalt am Vulkan „abzubrechen“ bzw. zu verkürzen, und wie goldrichtig war die Entscheidung! Ich bin SO glücklich, in mein Hotel einzuziehen! Das Restaurant ist hübsch eingerichtet, es gibt einen sauberen Pool mit Blick übers Meer und mein Zimmer hat nicht nur ein Bad, sondern auch Steckdosen, Strom UND warmes Wasser! Was für ein Luxus!! Das ist genau das, was ich jetzt gebraucht habe. Ich habe die Homestays auf meiner Reise wirklich sehr geschätzt und auch aus Überzeugung gebucht. Aber nun merke ich einfach, dass ich auch einfach genug davon habe. Ja, ich kann mich mit einem Wassereimer und kaltem Wasser waschen, kein Problem. Und ich kann auch nachts das Baumhaus runterklettern und erst mal 300 Meter zur nächsten Toilette laufen, um aufs Klo zu gehen. Und ich komme auch mit zwei Stunden Strom am Tag klar. Aber manchmal ist ein bisschen westlicher Standard einfach wohltuend und nötig, um die Batterien wieder aufzuladen.
Nach einem kurzen Lunch mache ich mich auf den Weg zum Tanna Coffee Garden Café. In den ca. 30 Minuten Fußweg kommen diverse Pick-up-Trucks und Kleinbusse an mir vorbei. Interessanterweise sitzen ausnahmslos immer Männer am Steuer. Aber alle winken nett und grüßen, als sie an mir vorbeifahren. Wobei es auch selten zu sein scheint, dass hier ein Touri zu Fuß läuft, denn alle schauen mich ungläubig und verwundert an.
Bei Tanna Coffee angekommen, setze ich mich zu einer Dame an den Tisch dazu - Catherine. Ich hatte eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass wir eine Unterhaltung starten, da die Leute, die ich bisher getroffen habe, ja nicht sehr aufgeschlossen mir gegenüber waren. Doch da ein Windstoß ihren Kaffee verschüttet, kommen wir ins Gespräch und wie sich herausstellt, spricht sie geschliffenes Englisch und ist Beraterin für Umweltbelange in Port Vila. Auch hier ist sie gerade beruflich, um ein Projekt mit Tanna Coffee voranzubringen.
Tanna Coffee arbeitet mit verschiedenen Kleinbauern auf der Insel zusammen. Die Kaffeebohnen schmecken wirklich besonders, da sie einerseits den vulkanischen Boden und die Meeresluft in sich tragen und andererseits keinerlei Dünger verabreicht bekommen. Viel Kaffee kann die Insel nicht produzieren, da sie klein ist, aber die Erträge, die sie produziert, sind wirklich köstlich. Sowohl mein Iced Caffè Latte als auch mein Americano schmecken deutlich besser als das meiste, was ich in Neuseeland bekommen habe.
Dazu kommt, dass ich die Unterhaltung mit Catherine sehr schätze. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, ein bisschen Gespür für die Leute zu kriegen. Sie erzählt mir, dass es vor fast einem Jahr ein heftiges Erdbeben in Efate gab und vieles zusammengestürzt ist. Doch dass die Leute hier so eng miteinander verbunden und so resistent sind, dass sie in kürzester Zeit alles wieder aufgebaut haben. Und dass Vanuatu damit viel schneller war als zum Beispiel Neuseeland, das bis heute noch daran arbeitet, das Flair von Christchurch nach dem Erdbeben von 2011 wieder aufzubauen. Sie sagt, dass sich die Leute in Vanuatu sehr gut selber zu helfen wissen und sich damit unabhängig von dem Staat und der Bürokratie machen, die zum Beispiel in Neuseeland in solchen Fällen übernimmt.
Nach über einer Stunde Gespräch und meinem wunderbaren Kaffee mache ich mich wieder auf den Weg Richtung Hotel. Dort genieße ich den Ausblick über das Meer von der Sea-Shell-Terrasse aus, während ich ein Tusker-Bier trinke und den Tag Revue passieren lasse.
Zum Abendessen habe ich meinen ganz persönlichen „Jenseits von Afrika“-Moment. Ich bin der einzige Gast im Restaurant und muss erst mal Gericht für Gericht erfragen, was es denn heute überhaupt von der Karte gibt. Am Ende bestelle ich den gegrillten Fisch mit Reis und Knoblauchsauce. Nach einer Weile kommt der Teller, hübsch angerichtet. Doch wenn mich nicht alles täuscht, liegt da Schwein auf meinem Teller und kein Fisch. Vielleicht trügt die Optik und das Schneidegefühl und es ist einfach ein fester Fisch?! Ich rufe die Bedienung und frage, ob es sein könnte, dass da Schwein auf meinem Teller ist. „No Ma‘am, this is the fish you ordered.“ Hm, ok. Ich träufle etwas Limettensaft darauf und mein Kopf gibt mir daraufhin Fisch-Vibes. Aber irgendwie auch nur bedingt. Ist es vielleicht ein trockenes Hühnchen?! Nein, ich bin mir ganz sicher. Dieser Fisch ist kein Fisch. Dieser Fisch ist ein Schwein. Innerlich könnte ich mich totlachen. Vanuatu at its best! Äußerlich spiele ich mit Ernsthaftigkeit die Fisch-Nummer mit. Was soll’s, es schmeckt lecker. Das ist die Hauptsache.
Zwangspause – Das Schwein meldet sich
Für heute Vormittag hatte ich mir vorgenommen, zum Giant Banyan Tree zu fahren. Das ist noch mal ein dreistündiger Ausflug von hier aus, aber das würde zeitlich gerade noch gut passen, bevor ich nachmittags meinen Flug nach Port Vila zurücknehmen soll.
Doch weit gefehlt! Es sollte anders kommen. Ich werde von Träumen wach, dass mir schlecht ist. Leider kein Traum und auch kein Fehlalarm – mir ist tatsächlich schlecht. Das Schwein von gestern war eindeutig nicht mehr gut und somit fällt der Vormittagsausflug komplett flach und ich liege im Bett und schlafe die meiste Zeit, bis das Shuttle zum Flughafen geht. Als ich mich an der Rezeption beschwert habe, hat diese noch mal bei der Küchenhilfe nachgefragt. Daraufhin gibt sie immerhin zu, dass es kein Fisch war, sondern angeblich Hühnchen. Sei‘s drum. Mein Giant Banyan Tree und ein weiterer Besuch bei Tanna Coffee fallen jetzt jedenfalls flach.
Später am Flughafen treffe ich wieder auf die Australierin Jade. Sie und der Kanadier Mick haben ihren Flug verpasst. Krank ist sie ebenfalls. Immerhin geht ein großer Flieger heute nach Port Vila und im Travellers Motel, in dem ich wieder einkehre, sind sie so lieb und upgraden mich kostenlos auf ein Einzelzimmer, nachdem ich ihnen erzähle, dass es mir so schlecht geht. Das Einzelzimmer tut gut – ich merke, dass ich wohl definitiv eine kleine Pause von allem brauche.
TEIL 2 folgt…

Kommentare