Wildes Vanuatu - Teil 2
- carolinbiermann
- 6. Juni
- 24 Min. Lesezeit
TEIL 2
Auf nach Santo!
Früh um 6:40 Uhr geht es schon wieder los zum Flughafen. Dieser ist überraschend voll! Ich bekomme mit, dass dieses Wochenende scheinbar eine große Hochzeit auf der Insel stattfinden soll. Es geht sogar ein richtig großer Flieger! Gott sei Dank. Denn mir ist immer noch leicht schlecht. Die obligatorische Papiertüte halte ich griffbereit und auch ein Bad im Flieger zu haben, finde ich einen beruhigenden Gedanken.
In Santo gelandet, halte ich Ausschau nach meinem Mietwagen. Ich hatte verschiedene Anbieter angefragt und diesen hier angerufen. Er hat mir am Telefon einen guten Preis gegeben – immer noch schweineteuer, wie alles auf Vanuatu, aber zumindest das beste Angebot, das ich finden konnte. Wir hatten alles vereinbart, aber ich habe nie ein Schriftstück als Bestätigung bekommen. Doch das gesprochene Wort ist zuverlässig – der Wagen ist tatsächlich da! Auf den ersten Blick sieht der Wagen sogar gut aus. Er ist nur halb betankt und die Klimaanlage kämpft ums Überleben. Aber ansonsten… Auf den zweiten Blick bzw. nach den ersten paar Kilometern Fahrt muss ich den ersten Eindruck leider revidieren. Es ist doch eher ein kleines Schrottmobil. Die Bremsen sind eher fragwürdig und man merkt, dass der Wagen schon einiges durchgemacht hat in seinem Leben. Kaum zu glauben, dass ich für dieses holde Ross mehr pro Tag zahle, als für den kleinen SUV, den ich in Neuseeland gemietet habe!
Aber egal, mein Gefährt mit vier Rädern bringt mich heil über die steinige Pistenstraße in die Matevulu Lodge, wo ich die nächsten drei Nächte schlafen werde. Die Lodge ist genau das, was ich mir vorgestellt und erhofft hatte. Traumlage direkt am Meer, sauber, klein und liebevoll gestaltet. Es gibt nur 5 Bungalows, die alle großzügig voneinander entfernt sind. Es gibt sie in drei verschiedenen Größen und jeder Bungalow hat eine große Terrasse, Hängematten an den umliegenden Bäumen und seinen eigenen Holzsteg zum Meer. Auf dem Grundstück sind riesige Tamanu-Bäume, die übers Wasser hinausragen und Schatten am Strand spenden. Es gibt eine große, gut eingerichtete Gemeinschaftsküche mit offenem Wohn- und Esszimmer davor. Die Betreiberin ist Französin und das merkt man der Lodge an! Es ist alles liebevoll dekoriert, jedes Detail im Bungalow ist durchdacht. Außerdem ist die Küche tipptopp organisiert: Jeder Bungalow hat sein eigenes Geschirr und eigene Fächer für Lebensmittel. So wird vermieden, dass es zu typischen „Hostel-Küchen-Situationen“ kommt, wo irgendwann alles durcheinanderfliegt und einfach nur noch eklig ist. Ein Premium Bed & Breakfast. Zeit, die Seele baumeln zu lassen und die Ruhe zu genießen!
Auf Entdeckungstour – Die Riri und Matevulu Blue Holes
Der Tag beginnt mit einem wundervollen Frühstück. Aktuell bin ich der einzige Gast und habe somit total meine Ruhe. Zum Frühstück gibt es Vanuatu-Coffee, frischen Obstsalat aus Passionsfrucht, Ananas und Banane und Brot mit Coconut Jam und hausgemachten Marmeladen.
Sobald die Flut auf höchstem Punkt ist, schnappe ich mir eines der Kajaks und paddle zum Riri Blue Hole los, das nur ca. 30 Minuten von hier südwärts sein soll. Es ist eine wundervolle Szenerie. Nur ein kurzes Stück am Strand entlang, dann geht es schon in die Flussmündung, die ich nun hinaufpaddle. Das Wasser ist glasklar und schön blau und die Bäume um mich herum wuchern nur so und sind mit allerhand Farnen und Rankpflanzen bewachsen. An der Brücke, unter der ich durchfahren muss, steht der obligatorische „Wart“ und holt sich seine 1000 Vatu Eintrittsgeld ab. Ein Blue Hole ist übrigens eine Frischwasserquelle! Je weiter ich den Fluss also hochfahre, desto weniger salzhaltig ist das Wasser. Irgendwann bin ich am Blue Hole angekommen. Es ist wie eine blaue Lagune und ich habe sie ganz für mich alleine. Kein Mensch ist außer mir da – herrlich! Es gibt sogar eine richtig große überdachte Terrasse, wo man sicher gut picknicken könnte. Ich gehe ausgiebig schwimmen und genieße mein kleines Paradies. Zum Schnorcheln gibt es hier nicht viel, nur ein paar Fische. Aber das macht natürlich auch Sinn, weil es Süßwasser ist. Erst ganz am Ende meiner Badezeit kommt eine australische Familie angepaddelt. Perfektes Timing. Ich schnappe mein Kanu und paddel wieder zurück in die Lodge.
Kurz frisch machen, dann geht es zum Matevulu Blue Hole. Diesmal nehme ich meinen Wagen, da es über eine Stunde dauern würde, dorthin zu paddeln. Und demnach auch wieder eine Stunde zurück. Auf 30 Minuten Laufen in der schwülen Hitze habe ich auch nicht recht Lust und wofür habe ich schließlich mein Auto. Nach zwei Kilometern Offroad-Piste, die mein Auto tapfer mit 10–20 km/h meistert, komme ich am Blue Hole an. Das ist noch mal eine ganz andere Größenordnung als das Riri Blue Hole. Es ist wirklich riesig! Ich bin wieder die Einzige hier, zahle brav meine 1000 Vatu Eintrittsgeld und habe die ganze Lagune für mich alleine. Die Eigentümer haben sogar eine Rutsche aus einem Metallrohr gebaut, in das sie einen Eimer Wasser reinkippen, damit es besser flutscht beim Rutschen. Doch leider bleibe ich auch mit Befeuchtung gleich beim ersten Rutschversuch darin stecken. Wie peinlich! Da ich weiß, dass die Locals gerne mal gucken, wenn eine Weißnase rumläuft, klettere ich also schnell wieder aus der Röhre raus, bevor sie es sehen, um mir den Walk of Shame zu ersparen. Da gehe ich lieber erst mal ausgiebig schwimmen. :)
Mein Lieblingsspot ist der riesengroße Banyan Tree, dessen unzählige riesengroße Wurzeln tief ins Wasser greifen. Tatsächlich sehen Banyan-Bäume für mich immer so aus, als würden die Wurzeln in den Boden runtergreifen, anstatt dass die Bäume vom Boden aus nach oben ragen würden. Außerdem wuchert wieder viel Gewächs von den Ästen des Baumes herunter, wodurch er wie ein alter, weiser Mann aussieht. Aber all das ist nur meine subjektive Wahrnehmung. Jedenfalls hat man eine Leiter an den Baum angebracht und ein Seil von einem Ast heruntergelassen, sodass man es als Schwingseil nutzen und sich ins Blue Hole schmeißen kann. Das muss ich natürlich ausprobieren! Anfangs hapert es noch etwas an der Technik, aber irgendwann kriege ich anständige Schwünge hin. :) Spaß macht es auf jeden Fall. Nachdem meine Badesachen durch und durch nass sind, gebe ich auch der Rutsche noch mal eine zweite Chance. Und tatsächlich, ich rutsche! Galant sieht es bestimmt nicht aus und die Metallröhre ist auch ganz schön heiß durch die ganze Sonne. Aber egal – auch hier habe ich meinen Spaß.
Als ich fertig bin, von meinem Privat-Blue-Hole Abschied zu nehmen, kommt wieder die australische Familie angepaddelt. Perfektes Timing. :)
Es waren gelungene Ausflüge und ich komme glücklich wieder in meiner Lodge an, wo ich den Nachmittag zum Faulenzen nutze.
Lessons from Gaelle
Gaelle, die Besitzerin der Lodge, hat mir viel von Vanuatu erzählt, was mir hilft die Kuriositäten hier besser einzuschätzen. Vanuatu ist ein sehr neues Land. Erst seit ca. 35 Jahren haben sie ihre Unabhängigkeit von den Kolonialmächten. Da der Anschluss an ein großes „Mutterland“ fehlt, ist es aber auch schwieriger, Dinge zu besorgen. Vanuatu hat keine eigene Industrie im klassischen Sinne. Sie sind primär Farmer. Das heißt, es muss alles importiert werden und das ist mit Aufwand und hohen Steuern verbunden, was sich alles in den Kosten hier bemerkbar macht. Wer ohne großen Komfort wie Strom, warmes Wasser oder Lebensmittel wie Pasta und Reis auskommt, kann hier sehr günstig leben. Wer mehr will, muss tief in die Tasche greifen. Die Ni-Vanuatu leben von ihren Erträgen. Daher sehen sie keinen großen Grund, sich Arbeit zu suchen oder Arbeit zu machen. Es gibt Kühe, aber sie werden nur für Fleisch genutzt und nicht für Milch. Denn das wäre regelmäßige Arbeit und Aufwand. Spezielles Futter, regelmäßig Kälber, dann das ganze Melken und Verarbeiten … Also, wer Milch will, muss importierte kaufen. Hühner gibt es überall, doch auch die Eier werden importiert. Einerseits, weil man sonst erst mal Legehennen, Hühnerhäuser und Spezialfutter bräuchte. Andererseits, weil man lieber die Hühner haben möchte. Besonders wertvoll sind die Hähne, denn diese werden als Hochzeitsgeschenk verschenkt. Sie stellen also zu einem gewissen Maß sozialen Status dar. Genauso wie Schweine – die tatsächlich hauptsächlich nur für Prestigezwecke und als Geschenke gehalten werden. Um noch mal auf die Arbeit zurückzukommen, heißt das aber: Die meisten hier gehen nur einer Arbeit nach, wenn sie etwas Konkretes brauchen. Und danach lassen sie es auch wieder gut sein.
Außerdem ist aller Grund und Boden in Vanuatu in Privatbesitz. Deshalb muss man auch überall, wo man hingeht, Eintrittsgeld zahlen. Am Strand, an den Blue Holes … sogar die Riffe inklusive der Fische gehören jemandem! Zum Beispiel dem Chief des Dorfes. Wenn dieser ein Boot beim angeln sieht, fährt er auch gern mal raus, um nachzufragen, ob das Boot privat dort ist oder womöglich eine Tour mit Leuten veranstaltet. Denn wenn es eine Tour ist, will er seinen Cut haben. Schließlich sind das seine Fische, die da geangelt werden!
Ich lerne noch viel mehr von Gaelle. Doch das alles zu schildern, würde den Rahmen sprengen. Jedenfalls hilft es mir, die Leute und Kultur hier besser zu verstehen.
Zum ersten Mal Schiffswrack tauchen – die SS Coolidge
Heute geht es vorerst zum letzten Mal für mich zum Tauchen. Doch es ist nicht irgendein Tauchgang, sondern ich schaue mir das Schiffswrack SS Coolidge aus dem Zweiten Weltkrieg an. Es ist 1942 an der Küste von Santo von einer Mine getroffen worden. Der Kapitän steuerte das Schiff noch so ans Ufer, dass (fast) alle Soldaten lebend das Schiff verlassen konnten (bis auf einen). Doch nach 90 Minuten rutschte die SS Coolidge das Riff hinunter, wo sie seitlich gekippt zur Ruhe kam.
Die SS Coolidge liegt nun seit über 80 Jahren auf dem Grund des Meeres. Sie war früher ein Luxusliner für 800 Erste-Klasse-Passagiere, bevor sie für den Krieg umfunktioniert wurde und dann 5000 Soldaten beherbergte. Sie ist bloß knapp 50m kürzer als die Titanic und eines der berühmtesten betauchbaren Wracks weltweit, da sie relativ im Seichten liegt (20–70 m).
Also eine besondere Ehre, dass ich sie heute aus nächster Nähe zusammen mit Paul und John vom Aore Dive Resort sehen darf. Ich bin heute nicht nur der einzige Gast von Paul und John, sondern gleich der einzige Gast an der gesamten SS Coolidge. Wir haben das Wrack tatsächlich ganz für uns alleine. Eine seltene Besonderheit.
Beim ersten Tauchgang schauen wir uns das Schiff von außen an. Die Cargo-Löcher, die Ankerkette, den Maschinenraum mit Kompressor. Auch ein alter Kochtopf sowie ein Regal, ein Gewehr und Raketen sind zu sehen. Zum Glück habe ich eine Tauch-Taschenlampe mitgegeben bekommen. Mit der sehe ich erst richtig, wie farbenfroh bunt das Schiff an vielen Stellen ist, da es über die Zeit zu einer Art Korallenriff geworden ist. Es ist beeindruckend und einschüchternd zugleich, so ein tonnenschweres Stück Geschichte vor sich zu haben. Und dann auch noch ganz nonchalant als einziger Besucher daran herumzutauchen. Wir gehen auf 31 m hinunter, tauchen dann ca. 25 Minuten erst das Deck entlang und anschließend an der Seite des Schiffs wieder zurück. Zum Abschluss verbringen wir die Safety Stops noch an einem seichten Korallenriff. Alles sehr entspannt und gut geplant.
Der zweite Tauchgang führt dann in das Schiffswrack hinein, auf 32,5 m. Das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer. Denn man schwimmt durch alte, enge Löcher in Bereiche des Wracks hinein, wo es teilweise stockdunkel und eng ist. Klaustrophobisch darf man hier nicht sein! Mir ging da unten schon der eine oder andere Gedanke durch den Kopf. Was, wenn jetzt irgendetwas verrutscht und wir im Schiffswrack eingeschlossen werden? Was, wenn ich den Tauchguide verliere und mich hier drin verlaufe? Doch das Kopfkino muss man einfach ausschalten und cool bleiben. Nicht zuletzt, weil sonst der Sauerstoffbedarf in die Höhe getrieben wird.
Wir sehen uns ein ehemaliges Badezimmer an. Mit Spiegeln in der Mitte und Waschbecken auf beiden Seiten. Überall sind noch die Armaturen vorhanden, die inzwischen dick mit Algen und Co. bewachsen sind. Auch die Lampen hängen noch. Toiletten, Pissoirs … Ich stelle mir vor, wie es damals wohl ausgesehen haben mag, als es noch in Topform und seetüchtig war. Auch in den Raum, wo die Autos aufgehoben wurden, schwimmen wir rein. Man kann die alten Wagen noch sehen, genauso wie die alten Reifen und wieder Munition. Im Grunde befinden wir uns in einem riesengroßen Museum. Ich bin schwer beeindruckt. Aber kurz Panik kriege ich dann doch, als an einer denkbar engen, kleinen Stelle (zumindest für mein Empfinden), tief verschachtelt im Wrack, plötzlich mein Tauchcomputer Alarm schlägt: „NonDecompress Time 0“. Oh je, muss ich jetzt sterben? So ganz geläufig sind mir die Decompress-Themen nämlich nicht, da ich ja sonst nicht so tief tauche. Aber John meint, das wäre schon okay. Oh well…. Langsam machen wir uns durch andere Löcher und Türen auf den Weg aus dem Schiff heraus. Ein Bullauge und Wasserschläuche sehen wir noch.
Wieder oben angekommen, bin ich einerseits total begeistert und sprachlos. Gleichzeitig aber auch total erschöpft und fühle mich schon fast ein bisschen wie betrunken. Vielleicht doch ein bisschen viel in der Tiefe gewesen?! Die zwei Tauchgänge waren jedenfalls eine Once-in-a-Lifetime-Experience und ich kann sie nur jedem wärmstens ans Herz legen. So etwas bekommt man sonst einfach nicht zu sehen.
Im Anschluss fahre ich noch in die Stadt und schaue mir das WW2-Museum an, das auch die SS Coolidge aufgreift. Es ist klein, aber fein und lebt ausschließlich von Spenden. Vor allem gefällt mir aber die Unterhaltung mit den zwei netten Mitarbeitern.
Um den Ausflug noch abzurunden, gehe ich anschließend auf den Obst- und Gemüsemarkt und besorge mir Zutaten für mein Abendessen. Diesmal ist der Markt genauso, wie ich ihn mir erhofft hatte. Laut, wuselig, toll angerichtete Abteilungen je Obst- und Gemüsesorte und freundliche Menschen, die einen auch anlächeln und ein paar Worte mit einem wechseln. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass der Vibe auf Santo ein anderer ist als auf Tanna.
Müde und erschöpft mache ich mich auf den Heimweg in die Lodge. Erst mal wieder Kraft tanken und etwas essen. Dann Faulenzen in der Hängematte. Die werde ich vermissen, wenn ich weiterziehe.
Ab in den Norden – Port Olry calling
Leider ist es heute schon Zeit, in meiner wunderschönen Matevulu Lodge auszuchecken. Ich habe sie so geliebt! Aber es gilt Neues zu erkunden – den Norden von Santo: Port Olry. In Port Olry endet die Straße der östlichen Seite von Vanuatu. :) Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Es ist also wirklich mehr oder weniger der letzte Wipfel von Santo. Es kommen auch merklich wenig Leute hier hoch, denn alle Autos, die sich entgegenkommen, grüßen sich.
Auf die Empfehlung von Gaelle hin, fahre ich auf dem Weg erst mal bei Jacks Blue Hole vorbei. Es ist noch mal anders als die beiden anderen, weil es deutlich tiefer ist und auch mehr Fische darin rumschwimmen. Diesmal bin ich auch zum ersten Mal nicht die Einzige hier. :D Eine lokale Familie ist noch zum Baden hier und hat reichlich Spaß. Auch wenn Jacks Blue Hole schön ist, hat mir dennoch das Matevulu Blue Hole mit Abstand am meisten gefallen, weil es am großzügigsten war.
Anschließend geht es eine gute Stunde weiter gen Norden zum Champagne Beach. Ich habe viel davon gehört und bin gespannt, ob es sein Versprechen hält. Die Straße dorthin ist mal wieder abenteuerlich und ich hoffe, dass mein kleines, knirschendes Auto alles heil übersteht. Als ich auf der großzügigen Wiese vor der Bucht ankomme, kann ich aus der Entfernung schon erahnen, was da vor mir liegt. Kurz darauf betrete ich den schönsten Strand, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Worte können gar nicht ausdrücken, wie makellos schön dieser Ort ist. Es ist einfach atemberaubend. Der Sand ist fast weiß und hat die Textur von Backpulver. So fein ist er. Das Wasser ist helltürkis und funkelt in der strahlenden Sonne. Vor dem Strand liegt noch pittoresk eine kleine grüne Insel, die der Optik die Krone aufsetzt. Das ganze Areal ist auch extrem gepflegt. Es gibt Toiletten und eine Umkleide und am Strand sind viele Holztische mit Sonnenschirm installiert. Wie immer kostet es 1000 Vatu. Aber die gebe ich gerne her für so einen sensationellen Blick. Ich verbringe fast zwei Stunden hier und genieße es in vollen Zügen.
Irgendwann um 15:30 Uhr trenne ich mich schweren Herzens vom Champagne Beach und fahre in meine Serenity Lodge. Die Besitzerin ist hochmotiviert und freundlich. Aber auch sehr einnehmend und laut. Eins steht fest: Ich habe eine Local Experience gebucht! Angelique möchte unbedingt am Abend mit mir Kava trinken. Eigentlich habe ich großen Hunger und habe sie gebeten, mir mein Essen aufzuwärmen. Doch sie insistiert, dass wir erst in die Kava-Bar gehen. Okay, also ziehen wir mit einer winzigen Taschenlampe in die Dunkelheit los und laufen ins Dorf. Die Kava-Bar sieht eher aus wie ein verlassener Warteraum. Es ist nichts darin. Es stehen lediglich die vier Wände, der Boden ist festgetretener Staub und am tragenden Pfeiler in der Mitte ist ein kleiner Hocker, auf dem ein Eimer mit zwei 1,5-l-Wasserflaschen steht, die randvoll mit grau-brauner Brühe gefüllt sind.
Danach machen wir noch einen Late-Night-Shopping-Stopp im Dorfsupermarkt, wo Angelique Dosenfleisch, Bohnen und Zigaretten kauft. Auf dem Heimweg gesteht sie: „I like the nights. No one can see what we are doing. Not like during the day, where everybody sees everything.“ Ich muss ein bisschen schmunzeln. Denn in dem Dorf hier gibt es ja insgesamt nur wenig Einwohner. Jeder kennt jeden und wir haben gerade mindestens zehn Leute getroffen. Daher glaube ich, weiß - ob hell oder dunkel - eh jeder, was sie macht. Aber vielleicht gibt es für die Nacht einfach andere Regeln und es ist ein stilles Übereinkommen, dass man nicht darüber spricht.
Kava trinken wir dann im Restaurant der Lodge. Die Nachbarn kommen noch rüber mit einer etwas verwahrlost wirkenden älteren Australierin, die hier scheinbar schon mal gewohnt hat. Sie bringt eine Tasche voll Schuhe mit für sämtliche Kinder, aber will dafür gratis Essen haben während ihres mehrwöchigen Aufenthalts. :D Auch eine interessante Art, sich selber einzuladen! Es geht alles ziemlich durcheinander und wird zunehmend skurril. Nach drei Gläsern Kava verabschiede ich mich also (ohne Abendessen) und ziehe mich zurück. Im Zimmer warten riesengroße Kakerlaken auf mich. Bahhhh …
Neue Rekorde, die Königin von Vanuatu und spirituelle Überforderung
Die Nacht war eher durchwachsen. Ich bin davon wachgeworden, dass irgendein relativ großes Tier meinen Hals hochgekrabbelt ist. Wenn das mal nicht eine der Kakerlake von gestern war. Zum Glück funktionieren meine Reflexe und ich schnipse das Vieh sofort vom Hals runter. Ab 4 Uhr morgens stand dann der hochmotivierte Hahn auf meiner Veranda und hat alles, wirklich ALLES gegeben, um alle aufzuwecken. Etwas gerädert verteidige ich dann mit ganzem Einsatz mein Frühstück vor einer Armee an Fliegen, bevor mich dann der Nachbar abfängt und mich um meine Marketing-Expertise in Bezug auf seine Coconut-Beauty-Product-Idee bittet. Natürlich helfe ich gerne und posiere auch fürs gemeinsame Facebook Foto.
Dann bin ich endlich bereit fürs Schnorcheln! In Port Olry kann man bei Ebbe zu Chicken Island rüberlaufen – eine winzige vorgelagerte Insel. Also mache ich mich mit Schnorchelausrüstung auf den zehnminütigen Fußweg. Doch der Nachbar fängt mich ab und meint, er würde mich begleiten. Na gut, warum nicht. Vielleicht ist es ein Problem, dass ich hier im Bikini rumlaufe, und er möchte mich vor den anderen Locals bewahren, nachdem ich ihm mit seinem Business geholfen habe?! Kaum auf Chicken Island (oder auch Malet Island genannt) angekommen, wird klar, dass hier nicht viel mit Schnorcheln zu holen ist. Da kommt er mit der Idee an, dass wir zu Malmas Island rüberschwimmen können. Das ist verdammt weit! Aber wenn wir zu zweit sind, denke ich mir, wird es schon gut gehen und im Zweifel können wir immer noch Richtung Strand abdrehen. Schon unterwegs kommt aus seinen Erzählungen heraus, dass er eine starke spirituelle Ader hat. Er meint, er wäre mit dem Meer und dem Land verbunden und daher würde uns nichts passieren. Außerdem gäbe es da noch die zwei Kanus in der Umgebung, die uns im Zweifel retten könnten.
Als wir endlich nach ca. 45 Minuten tapferem Schwimmen auf Malmas Island ankommen, wird es dann aber wirklich skurril. Bevor wir an Land gehen, eröffnet er mir, dass er von der ältesten adligen Blutlinie in Vanuatu abstammt und der rechtmäßige König Vanuatus ist. Und er würde mich bitten, seine spirituelle Königin zu sein, sodass er mein spiritueller Ehemann ist, und wir sollten jetzt Hand in Hand laufend an Land gehen, damit das alles von den Ahnen besiegelt wird. Hilfe. Hiiiiilfe. An Land gibt er mir dann eine ausgiebige Vorlesung zu seiner Familienhistorie. Inklusive Namen, Orten und wie wichtig das Dreieck als spirituelle Form ist. Ich kann der Sache schon gar nicht mehr folgen, I‘m lost. Ich sitze hier auf dieser verlassenen Insel mit einem Ni-Vanuatu, der sich über und über mit weißem Sand einreibt, inklusive seinem Bart, und mir eröffnet, dass er eine Prophezeiung hatte, dass er wieder König von Vanuatu werden wird und sich die Regierung, die Stämme und die Kirche vor ihm verneigen werden. Als seine spirituelle Königin würde natürlich auch ein Teil seiner Macht und Stärke auf mich übergehen. Na dann bin ich ja abgesichert für die Zukunft!
Die Kirche und das Christentum sieht er äußerst kritisch, weil sie ihnen das Land und die Customs abgenommen haben – diesen Groll kann ich verstehen.
Um genau zu sein, ist er schon jetzt spirituell sehr stark. Denn in der Nacht, als er das Land, das er auf seiner Heimatinsel bereits spirituell von den kolonialen Mächten befreit hat, befreite, ist in Äthiopien ein Vulkan ausgebrochen. Ein ganz klares Zeichen, dass die Ahnen und die Natur mit ihm verbunden sind. Nächstes Jahr möchte er dann auch beim Federal Court vorsprechen, um sein rechtmäßiges Land auch offiziell zu befreien und seine Rolle als Herrscher anzutreten. Die werden schreien vor Begeisterung! Last but not least hat seine Prophezeiung auch ergeben, dass Vanuatu die zukünftige Welt-Großmacht ist.
Um Gottes Willen, wo bin ich hier gelandet?! Und wie schaffe ich es, mich immer wieder in solche absurden Situationen reinzunavigieren?! Ich mache deutlich, dass ich jetzt müde bin und gerne zurückschwimmen möchte. Meine Kräfte sind auch WIRKLICH am Ende nach dem Ausflug. In der Lodge gibt es dann auch noch unterschwelligen Ärger, weil er sein Essen mit mir teilt und meiner Gastgeberin dadurch ein Einkommen vom Mittagessen fehlt. Wie man’s macht, macht man’s falsch. Ich fühle mich jedenfalls fehl am Platz und unwohl.
Vanuatu ist wunderschön, aber egal wo ich hingehe, treffe ich auf merkwürdige Menschen. Egal ob Locals oder Travellers. Es ist schon ein eigentümliches Reiseziel.
Am Nachmittag gönne ich mir ein Mittagessen bei Chez Louis! Der ist richtig bekannt und wird in so ziemlich allen Reiseblogs und Guides empfohlen. Seine berühmte Coconut Crab ist heute leider aus, aber es gibt Lobster, auf den ich ohnehin mehr Appetit habe. Für umgerechnet 35 Euro bekomme ich einen riesigen, frisch gegrillten Lobster mit hausgemachten Süßkartoffel-Pommes. Er ist auf den Punkt gegrillt, super saftig und dank der Anweisung eines älteren Briten, der nach Vanuatu ausgewandert ist, um Kava zu produzieren, weiß ich nun auch, wie ich das Tierchen richtig zerlege, um an die ganzen „Extras“ zu kommen. Als ich mit dem Lobster fertig bin, sieht er aus, als wenn er durch einen Schredder gegangen wäre. Ich bin satt und zufrieden. :) Abends kröne ich meine kulinarischen Erlebnisse noch mit einem Poulet-Fisch, von Angelique zubereitet.
Das große Krabbeln und meine vorzeitige Abreise
Der gestrige Abend endete damit, dass ich in mein Zimmer kam und erst mal von fünf riesengroßen Kakerlaken in Empfang genommen wurde. Sie schienen Gefallen am Rattenkot gefunden zu haben, der in meinem Zimmer verteilt war. Gah, dieser Satz alleine ist schon ekelig! Meine Schmerzgrenze ist erreicht, also bitte ich Angelique, noch ein Giftspray zu besorgen. Nachdem ich die Bude mit einer kompletten Dose vollständig ausgeräuchert habe, liegt nun das tote Getier herum. Ich schlafe unter meinem Moskitonetz zwar besser als die Nacht davor, aber es ekelt mich einfach zu sehr und ich beschließe abzureisen.
Dass es ein Ungezieferproblem in meinem Zimmer gibt, hatte ich ja nun mit den Gastgebern geteilt. Trotzdem bringe ich es nicht fertig, in aller Klarheit zu sagen, dass das der Grund ist, warum ich frühzeitig abreisen möchte. Ich weiß schließlich, dass der Bungalow absoluter Luxus im Verhältnis zu dem ist, was die meisten Locals hier haben. Selbst die Eigentümer der Lodge wohnen in einem gleichgroßen Bungalow, der aber aus Naturmaterialien statt gemauerten Wänden gebaut ist, kaum Möbel hat und zwei Erwachsene und drei Kinder beherbergt. Außerdem hat ihr Mann hier alles selber gebaut, wie sie mir stolz erzählt hat. Und nun komme ich Westler daher mit meinen Hygiene-Vorstellungen und sage, dass es für mich so unerträglich ist, dass ich früher abreisen möchte?! Ich kann es einfach nicht und druckse stattdessen herum, dass es Zeit ist, Richtung Süden zurückzukehren. Was zur Konsequenz hat, dass sie mir die Übernachtung nicht erstatten möchten. Und mir dann auch noch im Nachgang schreiben, dass ich meine Fischrechnung noch begleichen müsste. Zunächst ärgert mich das schrecklich, da ich ja schließlich Grund genug hatte. Aber das hätte ich auch in aller Klarheit so formulieren müssen.
Nachdem ich meine Gedanken und Emotionen wieder sortiert habe, beschließe ich, es als Lehrgeld zu betrachten: Probleme offen ansprechen und den Konflikt nicht meiden. Oder etwas genauer: konkret verbalisieren, dass mir unwohl ist (was mir häufig schon schwer genug fällt), und benennen, was mir Unwohlsein bereitet. Statt ständig zu überlegen, wie ich den anderen am wenigsten Arbeit machen und sie „in Harmonie“ halten kann. Ich muss nicht gefallen. Und ich muss auch nicht von allen gemocht werden – schon gar nicht um jeden Preis. Es ist auch nicht meine Aufgabe, andere Leute glücklich zu machen. Und ihnen ist auch nicht geholfen, wenn ich ihnen keinen reinen Wein einschenke. Im Nachgang habe ich der Gastgeberin noch mal geschrieben und auf höfliche Art geschildert, was Phase war. Sie hat sich für die Info bedankt und ich habe das Gefühl, das Gleichgewicht wiederhergestellt zu haben.
Nach dem großen Krabbeln habe ich mir ein bisschen Luxus gegönnt: eine Nacht in der Turtle Bay Lodge. Sie wird von Australiern geführt und ist ein klassisches Hotel, wie man es sich vorstellt und aus Reisekatalogen kennt. Was soll ich sagen: Ich liebe es. Es tut einfach gut, ein großes, sauberes Zimmer mit westlichem Standard zu haben. Ich nutze den Tag, um überall mal rumzuliegen. Am Pool, auf den Strandliegen, in der Hängematte. Abends gönne ich mir eine Pumpkin & Feta Pizza. Großartig. Einfach großartig.
Goodbye Santo, hello Port Vila
Heute heißt es Abschied nehmen von Santo. Den Vormittag über genieße ich die Annehmlichkeiten der Turtle Bay Lodge noch in vollen Zügen. Pancakes, Coconut Oats, frischer Kaffee …
Bei meinem letzten Pool-Gang lasse ich die letzten zwölf Tage noch mal Revue passieren und muss leicht vor mich hinlachen, wenn ich daran denke, was alles passiert ist. Vanuatu ist schon wirklich ein Land für Fortgeschrittene. An jeder Ecke gibt’s Kuriositäten in verschiedenster Form. Mit etwas Abstand sind sie unheimlich lustig. Aber in dem Moment, wo man drinsteckt, stellen sie einen schon vor erhebliche Herausforderungen.
Die Abreise klappt zum Glück problemlos, inklusive Rückgabe des Mietwagens. Nach der Landung in Port Vila habe ich zum ersten Mal keinen Shuttle-Transfer und muss mich so durchschlagen. Aber inzwischen fühle ich mich sicher genug, meinen Weg hier zu finden. Außerdem bin ich knapp bei Kasse. Gedanklich rechne ich damit, dass alles schiefgehen wird, und hoffe gleichzeitig darauf, dass alles klappen wird. Die Strecke ist in der Tat etwas komplex. Ich muss vom Flughafen zu einer Cash-Maschine, dann in das Travellers Motel, um mein untergestelltes Gepäck abzuholen, und dann Richtung Banana Bay mit einmal Umsteigen am Korman Stadium.
Das Bussystem hier ist sehr pragmatisch. Wer einen Bus will, stellt sich an den Straßenrand und winkt einen Bus heran – Minivans mit einem „B“ auf dem Nummernschild. Dann wird gecheckt, ob das Ziel auf der Reiseroute des Busfahrers liegt, und los geht's. So füllt sich Stück für Stück der Minivan und man gibt einfach Bescheid, wenn man aussteigen möchte.
Am Flughafenausgang ist leider tote Hose. Doch irgendwann kommt ein Bus vorbei und stimmt zu, mich zum ATM und zum Travellers Motel mitzunehmen. Ich bin der einzige Gast. Er würde mich bis zum Banana Bay Beach Club fahren, doch er wirft einen so lächerlich hohen Preis in den Ring, dass schon abzusehen ist, dass das nichts wird. Wir einigen uns dann zumindest auf das Ziel Korman Stadium und einen Preis. Doch während ich mein Gepäck aus dem Motel abhole, nimmt er einfach Reißaus. Gut, dass ich meinen Backpack vorsorglich mit rausgenommen hatte. Nun ist zwar mein Fahrer weg, aber ich habe den Teil der Strecke kostenlos bekommen.
Dann heißt es wieder Busse ranwinken. Ein Bus nach dem anderen lehnt mich ab. „We don't go there.“ Irgendwann finde ich ein Paar, das sich mit Charme überzeugen lässt, mich in die Nähe des Korman Stadiums zu bringen. Wir unterhalten uns prächtig auf der kurzen Fahrt und die beiden laden mich auf die Fahrt ein. Dann steige ich in Bus Nummer drei, der mich für 150 Vatu (1,05 Euro) tatsächlich zum Korman Stadium fährt – ein unbeliebtes Ziel, weil es dort so dichten Verkehr gibt. Dort spreche ich ein paar Frauen an, die mir dann ganz lieb weiterhelfen und mich in Bus Nummer vier setzen, der mich tatsächlich nach Banana Bay fahren wird. Unterwegs bekomme ich noch eine Papaya von einer wildfremden Frau geschenkt. Es ist wahnsinnig aufregend und ein großes Erlebnis. Ich freue mich, dass alles so gut klappt.
Irgendwann stehe ich vor den Pforten des Hotels. Ich bin inzwischen der letzte Gast im Bus und der ältere Fahrer John bittet mich um bescheidene 500 Vatu. Wir stellen uns einander kurz vor und er wünscht mir frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Wieder eine dieser kurzen, besonderen Begegnungen auf meinen Reisen. Voller Glück steige ich aus und bin stolz, dass ich die Fahrt, die sonst mindestens 7.000 Vatu gekostet hätte, für 650 Vatu bekommen habe und es obendrein noch so ein Erlebnis war.
Doch im Hotel ist erst mal kein Mensch zu finden. Weit und breit sehe ich niemanden und laufe erst mal 20 Minuten rufend umher. Dann lässt sich doch noch eine Angestellte finden, die aber keinen sonderlich guten Empfang bereitet - was den ersten Eindruck etwas trübt. Doch kurz danach lerne ich die Hotelmanagerin kennen, die alles erklärt und somit meine Vorfreude für die nächsten Tage schürt.
Interessanterweise ist auch hier im Hotel wieder kaum ein Gast. Der Tourismus in Vanuatu scheint insgesamt schwer zu kämpfen. Bei meinen zahlreichen Hotelanfragen im Vorfeld habe ich zwar immer wieder gehört, dass es nun Weihnachtssaison ist und dadurch die Preise höher sind und das Angebot knapp ist. Doch egal wo ich bisher war, waren kaum Zimmer belegt. Kein Wunder – es ist ja auch wahnsinnig teuer hier, denke ich mir zunächst. Aber an anderen Orten lassen sich die Leute ja auch nicht von den Preisen abschrecken …
Mit dem E-Bike über die Insel
Eigentlich wollte ich heute früh um 7 Uhr zum Pilates-Angebot, doch schließlich habe ich ja Urlaub! Und so entschließe ich mich stattdessen, länger zu schlafen und dann das weltgrößte Käse-Omlett zu vertilgen.
Heute habe ich mir vorgenommen, mit dem E-Bike des Hotels die Süd- und Ostküste entlangzufahren. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten brause ich wie auf einem Roller auf der einzigen vorhandenen Straße entlang. Alle Autos, die mir entgegenkommen, winken eifrig. Rechts von mir ein malerischer Strand nach dem anderen. Mein erster Stopp ist die Blue Lagoon, oder auch Eton Bay, je nachdem, welchen der drei direkt nebeneinanderliegenden Eingänge man wählt. Es ist schön und auch ziemlich groß, aber auch recht erschlossen. Es sind viele Touristen, aber auch sehr viele Locals hier. Es gibt verschiedene Schwingseile, von denen man sich ins Wasser pendeln lassen kann, und auch eine Art Spring-Veranda für ganz Mutige – da sie ganz schön hoch ist. Ich schwinge mich ebenfalls ein paar Mal ins Wasser und ein kleines Mädchen, sechs Jahre alt, leistet mir etwas Gesellschaft und unterhält sich mit mir, als ich Pause am Steg mache. Ein Restaurant mit Burgern und Co. gibt es auch, aber überzeugend finde ich es nicht. Insgesamt erinnert mich die Blue Lagoon etwas an ein Freibad.
Danach trample ich weiter durch Eton Village, das nächstgelegene Dorf, und schließlich nach Eton Beach. Leider kommt, kaum dass ich meine Sachen gerichtet habe und losgeschwommen bin, ein riesiger Schauer runter. Es stürmt wie wild und ich friere richtig. Meine Sachen inklusive Rucksack sind total durchnässt und ich kann erst mal nicht mit dem Fahrrad zurückfahren. Hunger habe ich auch. Also hole ich mir beim Obststand eine Mango to go. Die Damen fragen mich, wo ich herkomme. „Banana Bay Beach? That‘s far away!“ – „I came by bike.“ – „Yes, we saw that.“ Großes Grinsen! Eine Weißnase auf dem Fahrrad sieht man hier eindeutig nicht alle Tage. Als das Wetter es erlaubt, fahre ich noch bis zum Fluss hoch, drehe um und halte auf dem Rückweg noch an Sharons Beach. Hier gibt es sogar weißen Strand und die Sonne steht schon recht tief und gibt ein schönes Licht. Um 16:30 Uhr komme ich müde und glücklich wieder im Hotel an.
Abends lege ich eine Kava-Session mit dem Hotelangestellten Antoine ein, bevor ich dann großartige Fish & Chips aus Poulet-Fisch bekomme und anschließend mit einer Samoanerin, die in Australien lebt, und einer Hotelangestellten einen lustigen Abend verbringe. Wir sitzen auf der Dachterrasse, essen Käse mit Crackern und andere Snacks und schauen uns die Sterne am Himmel an.
Rückblickend habe ich heute an keinem der Orte, wo ich Halt gemacht habe, Eintritt gezahlt. Ich glaube, das lag einerseits an meinem Fahrrad-Aufzug und andererseits daran, dass ich einigen erzählt habe, dass ich von Banana Bay komme.
Mitfahrgelegenheit gesucht
Heute möchte ich es ruhig angehen lassen und neben einem Besuch bei Eden on the River, einer Süßwasser-Badewelt im Dschungel, ausgiebig das Hotel genießen.
Meine Gastgeberin Kris kann mich auf dem Hinweg mitnehmen und setzt mich direkt vor den Pforten von Eden on the River ab. Für 1.500 Vatu bekomme ich einen Gummireifen in die Hand gedrückt und werde durch einen kurzen Treck zum Fluss hinabgeführt. Die Dame meint, ich habe Glück, derzeit bin ich der einzige Gast. Wunderbar, so habe ich es am liebsten. Der Fluss ist magisch und wie immer ist das Wasser glasklar. Ich liebe die Idylle – die feuchte Luft, das Rauschen des Wassers und das üppige Grün. Leider ist das Wetter mäßig und so sind nicht nur die Farben nicht sonderlich leuchtend, sondern es ist auch ziemlich frisch im kalten Wasser.
Was ich besonders schön an Eden on the River finde, ist, dass sehr viele glatte Steinformationen im Wasser sind. Sie bilden zum einen Terrassen, zum anderen aber auch natürliche Pools. Wie Badewannen, in die man sich genüsslich reinsetzen und vor sich hinträumen kann. Wenn es bloß nicht so kalt wäre. Ich paddle genüsslich mit meinem Gummireifen durch die grüne Oase, mache tausend Fotos, sitze mal in jedem der natürlichen Pools und laufe alle Terrassen ab, die man nur ablaufen kann. Ich hoffe immer noch darauf, dass die Sonne rauskommt. Nachdem ich bestimmt eine halbe Stunde lang an einem Pool sitze, die Beine im Wasser baumelnd, von hinten ein sanft fließender Arm des Flusses, der um mich herumfließt, kommt nicht nur die Sonne raus, sondern ich höre auch, dass nun einige Besucher ankommen. Das ist mein Zeichen – Zeit zu gehen. Perfektes Timing – denn es kommen gleich 14 Leute! Bah – das ist ja Überbevölkerung. ;)
Nun heißt es „Mission Heimkommen“, denn Kris kann mich nicht wieder abholen. „Wave down anything with four wheels“ – hat sie mir mit auf den Weg gegeben. Zunächst bezirze ich die australischen Betreiber, jemanden zu überzeugen, mich mit zur Hauptstraße zu nehmen, da Eden o. t. R. etwas versteckt abseits der Hauptstraße liegt und das allein schon ein kräftiger Fußmarsch wäre. Der Teil klappt schnell. Einer der Fahrer mit österreichischen Gästen kann mich das Stück mitnehmen. Nun stehe ich auf der Straße, die Sonne ist inzwischen prall am Scheinen und weit und breit kein Auto. Also fange ich schon mal an, in die richtige Richtung zu laufen. Und laufe und laufe und laufe. Nichts. Gar nichts. Irgendwann kommen zumindest Autos aus der Gegenrichtung. Aber die nützen mir halt nichts. Nach 25 Minuten in der Hitze creme ich lieber mal Sonnencreme nach. Wasser habe ich keines dabei. Irgendwann sehe ich hinter mir am Horizont in der wabernden Hitze einen weißen Van. Na endlich, meine Chance! Ich winke den Bus ran und darin sitzen zehn Männer, die sich freundlicherweise bereiterklären, mich mitzunehmen.
Sie amüsieren sich köstlich über meine Aktion. „Wie lange bist du denn schon am Laufen in der Hitze? Und wo bist du hergekommen? Was hättest du denn jetzt gemacht, wenn dich keiner mitgenommen hätte?“. Zugegebenermaßen stand ich da wirklich in der Pampa. Da war weit und breit nichts. Kein Dorf, kein Resort, nur tote Hose. Das muss schon merkwürdig für einen Außenstehenden gewirkt haben. Ganz eindeutig haben sie mich unter „verrückte weiße Frau“ abgespeichert. Wir unterhalten uns prächtig! Sie sind gerade auf dem Weg zu einer Hochzeit einer Schwester – und ich bekomme sogar ein kaltes Bier und Kaugummis ausgegeben. Nach ca. 20 Minuten Fahrt setzen sie mich wohlbehalten am Hotel ab und möchten nicht mal Fahrtgeld von mir haben. Voller Begeisterung und leicht angeschwipst erzähle ich Kris von meinen Erlebnissen.
Den Nachmittag nutze ich, um ausgiebig in der Hotelbucht zu schwimmen. Mit Poolnudel und Schnorchelausrüstung ausgestattet, lasse ich mich durch die felsige Bucht treiben, schwimme sogar wagemutig den rauschenden Wellen entgegen und relaxe im natürlichen „Baby-Pool“; einem Bereich, der ganz flach ist und nur bei Flut wirklich gefüllt ist. Das Leben ist schön! Ich bin schon wirklich sehr verwöhnt.
Letzter Tag & Abreise
Am letzten Morgen stehe ich extra früh auf, um mit Kris und ihrer Fitness Trainerin eine Session Sport einzulegen. Meine Muskeln haben in den letzten Monaten sicher an Kraft verloren, da kann ein kleiner Wake-up Call nicht schaden. Es ist super lustig mit den beiden Mädels und anschließend gönnen wir uns noch einen Tropical Fruit Smoothie. Köstlich! Kris muss zurück an die Arbeit, doch für mich geht es zur Abkühlung ab ins Wasser. Die Lagune ist herrlich und ich genieße es auf meiner Pool-Nudel sitzend durchs Wasser zu paddeln. Die hohen Wellen draußen können mir zum Glück nichts anhaben, da ich durch das Gestein der Lagune geschützt bin.
Mittags kommt dann mein Shuttle, um mich nach Port Vila zu fahren. Auf dem Weg halten wir noch in der AELAN Chocoladenfabrik, wo ich eine kleine Tour mache. Leider ist die Angestellte maximal unmotiviert und macht wirklich nur das aller nötigste, egal wie sehr ich mich bemühe Begeisterung zu zeigen. Selbst bei der Schokoladenverkostung kann sie es kaum abwarten, dass ich die Probestücke gegessen habe, bevor sie mir die nächsten in die Hand drückt. Natürlich kaufe ich anschließend ein paar Tafeln als Souvenir. Während ich mir außerdem noch eine kleine Kette aus Holz aussuche, zerbeißt mir eine Wolke an Moskitos die Beine.
Auf zum Flughafen! Der Flieger hat Verspätung, doch ich habe eine Übernachtung als Puffer in Nadi, Fiji, eingeplant. Also habe ich keinen Stress.
FAZIT
Mein Portemonnaie ist leer, aber mein Herz ist voll.
Vanuatu ist ein total verrücktes Land. Es ist ein bisschen wie Wilde Maus fahren. Man hat immer wieder Momente, wo einem das Herz stehen bleibt und man denkt, jetzt geht’s steil bergab. Aber dann kommt doch eine unerwartete Wendung.
Man kann hier viele Wochen Zeit verbringen und auf jeder Insel die Leute und ihre lokale Kultur neu entdecken. Mit einem Guide zu reisen, ist hier sicherlich keine schlechte Investition. Aber auch ohne geht es. Es ist sicher genug und das Abenteuer ist garantiert

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