Verliebt in Peru Teil 2 - Auf zum letzten Sabbatical Abschnitt
Beginn der Rückreise - zurück nach Puno
La Paz - Leider war das Essen gestern Abend nicht in Ordnung und ich kämpfe mit Magenkrämpfen. Die Müdigkeit am frühen Morgen lässt meine Stimmung auch nicht gerade aufheitern. Ich werde mal wieder um 6:15 h abgeholt - so langsam reicht es mit den frühen Zeiten und Nachtbussen. Der Bus ist rappelvoll, die Luft ist schlecht und so machen wir uns auf den Weg nach Copacabana. Wieder überqueren wir den See mit dem Boot und machen dann einen ca. 5-stündigen Stopp in der kleinen, überschaubaren Stadt. Ich will mich einfach nur hinlegen und schlafen. Auch wenn mein absolutes Lieblingshotel - das Las Olas - mir geschrieben hat, dass sie leider keine Tagesräume haben, probiere ich mein Glück und treffe durch Zufall auf den Eigentümer und Designer des Hotels, Martin. Er ist unglaublich gastfreundlich und gibt mir tatsächlich ein Zimmer in seinem Zweit-Hotel „Sultan“ - und das ganz ohne mir etwas in Rechnung zu stellen. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich bin. Ich kann duschen und mich hinlegen und schlafen. Etwas Besseres hätte mir heute nicht passieren können.
Um 17 h geht es dann weiter nach Puno, wo diese Woche das große Candelaria-Fest ist. Da die ganze Innenstadt gesperrt ist und keine Busse oder Autos durchkommen, läuft mein Bus-Reisebegleiter Johann mit mir den Weg zum Hotel zu Fuß. Wir sind stramme 25 Min. mit meinem ganzen Gepäck unterwegs, aber die Zeit geht schnell rum, da wir uns ausgiebig auf Spanisch unterhalten und ich außerdem schon die ganzen Paraden und Musikkapellen um uns herum bestaunen kann.
Was ist die Candelaria?
Einmal im Jahr findet in Puno das Festival de la Virgen de la Candelaria statt. Es ist eines der größten folkloristischen Feste Südamerikas und wurde 2014 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Es ist Punos Schutzpatronin „Mamacha Candelaria“ gewidmet und die Feierlichkeiten bestehen aus unzähligen farbenfrohen Paraden mit Musikern, traditionellen Tänzen und Prozessionen der Jungfrau. Es reisen Menschen und Tanz- und Musikgruppen aus ganz Peru an, aber auch aus Bolivien und teilweise sogar aus Chile. Knapp zwei Wochen lang steht eigentlich alles in der Stadt still bzw. fokussiert sich voll und ganz auf die Feierlichkeiten.
Ich habe das große Glück, an einem dieser Tage hier sein zu dürfen! Es ist Samstag und nachdem ich gestern bis spät in die Nacht die Musikgruppen durch die Stadt habe ziehen hören, mache ich mich voller Begeisterung auf den Weg zum Plaza de Armas, da ich mir hier die größten Chancen für Paraden erhoffe. Es regnet mal wieder ausgiebig und ich bin in Regenjacke und Poncho gehüllt. Inzwischen geübte Routine - auch wenn ich die Kälte langsam leid bin.
Doch alles ist ruhig, man hört nichts. Also laufe ich erstmal auf gut Glück durch die Gassen und alle Leute, die ich anspreche, sagen mir, dass es heute nur „kleines Programm“ am Nachmittag gibt. Gestern Nacht war wohl die Eröffnungsnacht, wo alle Gruppen sich gezeigt haben. Morgen, am Sonntag, wird der große Tag sein, an dem die Tanzgruppen im Enrique Torres Stadium im Wettbewerb gegeneinander antreten werden. Doch das nützt mir leider nichts, da ich ja heute Abend schon wieder in den nächsten Bus steigen muss. Mist, habe ich wohlmöglich den falschen Tag erwischt?! Aber ging auch leider nicht anders mit meiner Reiseplanung.
Naja, nützt nichts, ich werde einfach schauen, was geht. Bis sich was tut, besuche ich erstmal das Koka-Museum, wo sich zeigt, wie viele Jahrhunderte Koka schon von den Inkas und Prä-Inkas als Naturheilmittel genutzt wird und Bestandteil des Alltags ist. Während hingegen Kokain eine Ausgeburt der Neuzeit ist und bekanntermaßen nicht zuträglich zur Gesundheit ist. Im zweiten Stock gibt es noch eine Ausstellung zu folkloristischen Kostümen. Vor allem die Diablos sind eindrucksvoll. Auf einer Infotafel heißt es, dass sie die Spanier darstellen sollen, die damals im Land eingefallen sind. Meine Online-Recherche hingegen sagt, dass die Teufel den andinen Gott der Mineralien und der Unterwelt darstellen sollen, der durch die Tänze milde gestimmt werden sollte, sodass die Minenarbeiter geschützt sind. Was auch immer der Hintergrund sein mag, die Kostüme sind aufwendig und prachtvoll gestaltet.
Endlich kommt die Sonne raus und ich laufe zum „Mirador Condor“ hinauf. Leider leitet mich Google Maps etwas fehl und ich finde mich mitten auf einer steilen Wiese wieder, wo überall Schilder aufgestellt sind, die vor bissigen, streunenden Hunden warnen. Na toll! Ich bin in meiner Regenkluft viel zu warm angezogen, mag langsam nicht mehr bergauf laufen und soll mich jetzt noch gegen Hunde wehren? Ich bin nicht in Stimmung, also don’t mess with me! Zum Glück komme ich unbeschadet oben an und der Blick über die Stadt ist wirklich traumhaft! Links blickt man über die Stadt, die wie in einem Kessel liegt, umgeben von Bergen (oder Hügeln). Rechts sieht man, wie die Stadt an den Titicaca grenzt und wie die Boote sich auf den Weg zu den Tagestouren auf die Uros-Inseln machen. Ein lateinamerikanisches Mädchen spricht mich an, ob ich auch alleine unterwegs bin und ob wir nicht Fotos zusammen machen wollen. Sie ist eindeutig geübter als ich und bietet für jedes Selfie eine unterschiedliche Pose an. Während ich hingegen auf allen Fotos gleich schaue :D
Nicht nur der Blick über die Stadt bei strahlender Sonne ist magisch. Auch die Geräuschkulisse! Hier oben hört man nämlich, wie die verschiedenen Musikgruppen in den unterschiedlichen Ecken der Stadt proben. Es hallt nach oben und ich bilde mir ein, dass ich ganz genau weiß, wo ich nun hinlaufen muss, um die Bands beim Proben zu sehen. Aber nein, kaum steige ich ab, schon verflüchtigt sich der Hall zwischen den Häusern und ich laufe etwas planlos durch die Gegend.
Doch dann höre ich ganz eindeutig Blasmusik aus einer Himmelsrichtung! Ich folge dem Klang und gelange zu einer Schule, wo bestimmt 150 Schüler am Proben sind. Mir fliegen fast die Ohren weg und nicht nur der Klang ist beeindruckend, sondern auch, wie der Dirigent diese riesige Gruppe anleitet. Alles läuft wie ein Uhrwerk!
Überhaupt, ich bin zunehmend beeindruckt von Peru. Südamerika hat ja immer die Reputation, alles etwas lockerer zu nehmen. Komm ich heute nicht, komm ich morgen. Más o menos, passt schon. Doch bislang kann ich nur beobachten, dass die Peruaner tiptop organisiert sind. Die Busse fahren auf die Minute pünktlich ab. Die Post agiert total vertrauenswürdig (habe ein Paket weggeschickt). Die Leute sind zuverlässig und stehen zu ihrem Wort.
Als ich zur Iglesia de Candelaria gehe, sehe ich dann endlich die erste Parade. Quechua- und Aymara-Damen tanzen mit ihren traditionellen, üppigen Kleidern und kleinen Hüten. Bands mit vielen Blasinstrumenten und riesigen Trommeln laufen die Straße entlang. Doch die große Parade kommt erst noch! Direkt vor der Kirche finde ich ein schönes Plätzchen und sehe schon links in der Entfernung eine Virgen-Figur, die durch die Straße getragen wird - gefolgt von unzähligen Musik- und Tanzgruppen. Sie kommen über einen Berg herabgelaufen, was die Vorfreude steigert :) Bis sie aber wirklich bei uns sind, dauert es dann fast noch 45 Minuten. Aber das Warten lohnt sich.
Insgesamt habe ich bestimmt fast 4 Stunden die Parade bestaunt. Einen Teil von der Kirche aus, einen Teil von dem Plaza de Armas aus, da ich zwischendurch noch mal ein paar Extra-Jacken anziehen musste. Die Stimmung ist toll. Es sind Hunderte von Menschen beisammen. Fliegende Händler verkaufen für 5 Bolivianos (0,61 €) Hocker, damit die Leute sich setzen können und auch ein besseres „Stufensystem“ entsteht, wo alle etwas sehen können. Außerdem kommen immer fliegende Händler mit Snacks vorbei, wie kleine Schokoladen, handgemachte Chips, Lutscher oder sogar Sandwiches. Dadurch muss keiner wegen Hunger oder Durst weggehen. In Deutschland wäre das schon wieder nicht möglich, da dann sofort die Polizei nach der Genehmigung und dem Gesundheitszeugnis fragen würde. Je länger ich reise, desto mehr wird mir klar, wie Deutschland sich selber ein Bein stellt durch bürokratische und steuerliche Prozesse…
Vor allem die Kulisse vor der Basílica Catedral de Puno ist beeindruckend. Es ist inzwischen dunkel und die Kirche leuchtet hell, während die Gruppen an ihr vorbeiziehen. Ich habe mir einen Platz vor zwei Damen ergattert, die, glaube ich, erst fürchteten, dass ich ihnen die Sicht nehme. Aber ich frage extra freundlich, ob es sie stört, wenn ich mich vor sie auf den Boden hocke, und letztlich finde ich nicht nur meinen festen Platz auf der Straße sitzend, sondern habe auch eine nette Unterhaltung mit der einen Dame darüber, wie glücklich ich bin, zu so einem besonderen Anlass hier sein und das erleben zu dürfen. Ich hoffe, dass meine Kamera ihren Job erfüllt und mir ein paar schöne Fotos als Erinnerung zaubert.
Nach diesem wundervollen Tag, der doch deutlich ereignisreicher war, als die Locals es mir prophezeit haben, mache ich mich auf den Rückweg zum Hotel, um mit den anderen Reisenden meinen nächsten Nachtbus nach Arequipa zu kriegen. Durch das Festival sind nach wie vor fast alle Straßen gesperrt und so müssen wir improvisieren. Ein bisschen Fußweg, eine Fahrt im überfüllten Kleinbus, übermüdete, weinende Kleinkinder und zwei Stunden im großen Bus, bevor ich dann um Mitternacht noch mal in einen anderen Bus umsteigen muss. Es ist aufwendig, aber eben auch Teil so einer großen Reise, also nehme ich es mit Fassung. Um 5:00 h früh lande ich in Arequipa.
Arequipa - die weiße Stadt Perus
Um 5:30 h komme ich also in Arequipa an und bin heilfroh, dass mein Hotel mich schon einchecken lässt. So kann ich noch mal zwei Stunden schlafen. Den Vormittag nutze ich, um mir das Monasterio Santa Catalina anzusehen. Es wurde 1579 aus dem berühmten weißen Vulkanstein - der für Arequipa üblich ist - gebaut, ist 20.000 qm groß und hat, über sechs Straßen verteilt, zu Zeiten rund 80 Häuser für Nonnen enthalten. Der Stil ist eine Mischung aus Barock, Neoklassizismus und Neokolonialstil (danke Gemini ;)). Das Kloster ist also eine kleine Stadt für sich und sie wurde in Knallrot und Knallblau angestrichen, was sie optisch zu einer Augenweide macht. Mein Foto-Herz freut sich.
Am Nachmittag werde ich dann zu meiner „Ruta del Sillar“-Tour abgeholt. Ehrlicherweise ist mir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht klar, was das wirklich ist. Die letzten zwei Wochen waren so durchgetaktet, dass ich langsam etwas den Überblick verliere, was ich noch alles auf dem Reiseplan habe. Vielleicht war ich mit der Gestaltung meiner letzten drei Wochen des Sabbaticals etwas überambitioniert und habe zu viel reingepackt. Vielleicht hätte ich mir den Schlenker nach Bolivien sparen sollen und mir dafür mehr Zeit für die Route in Peru lassen sollen. Aber ich wollte eben alles aus der Zeit rausholen, zumal ich weiß, dass ich so schnell nicht mehr hierherkomme. Nun ist es, was es ist, und ich mache das Beste draus.
Sillar ist das weiße Vulkangestein, aus dem die Stadt gebaut ist, und wir fahren zum Steinbruch, wo die Blöcke geschnitten werden und wo auch ein Skulpturenpark aus Vulkangestein erbaut wurde. Die Tour ist ok, aber so wirklich vom Hocker haut es mich nicht. Es sind allerdings auch recht viele Leute hier und das Wetter ist grau, bewölkt und regnerisch. Ich treffe ein nettes Pärchen in unserer Gruppe. Sie aus Mexiko, er aus Brasilien. Sie spricht aber auch Deutsch, da ihre Vorfahren aus Deutschland kommen und sie auch dort zur Schule gegangen ist und Abitur gemacht hat. Wir helfen uns, Fotos voneinander zu machen, und auch abgesehen davon freue ich mich über die gute Gesellschaft.
In dem Skulpturenpark sind überdimensional große Tiere dargestellt, eine Pforte, die an das Tor von Petra in Jordanien erinnert, und es gibt noch ganze Settings wie zum Beispiel die „Nativity Szene“ bzw. die weihnachtliche Krippenszene. Ein Junge, ca. 10 Jahre alt, sieht mich beim Fotografieren und kommt zu mir gerannt, um zu fragen, ob er ein Foto mit meiner Kamera machen darf. Normalerweise bin ich immer offen, Kindern meine Kamera zu zeigen und sie den Knopf drücken zu lassen. Aber sie so ganz abzugeben, fühlt sich für mich in dem Moment nicht richtig an. Vielleicht sind meine Bedenken, dass er damit wegrennen könnte, völlig unbegründet, aber ich weiß nicht… mein Gefühl sagt mir, dass ich das bleiben lassen soll, und in den letzten Jahren war es zumindest nie falsch, auf mein Bauchgefühl zu hören.
Dann gönne ich mir für 3 € den Zutritt zur Sonderausstellung „Zoo“. Hier sind noch mal ein riesiger Kondor, Löwe, Puma und Lamas. Dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen und in den Bus steigen. Next Stop: Culebrilla Canyon. Hier steigen wir ein Stück hinab in den Canyon hinein und spazieren dann rund 20 Min. hindurch. In die von Wasser geformten Felsen sind einige Tiere geritzt, aus der Inka- oder wohlmöglich Prä-Inka-Zeit. Als wir aus dem Canyon hinausklettern, stehen wir in einem riesengroßen Feld mit kleinen Steintürmchen, die von Reisenden und Locals aufgetürmt wurden.
Auf dem Heimweg fahren wir noch zum Viewpoint der Stadt, wo allerdings aufgrund des regnerischen Wetters nicht viel zu sehen ist. Dafür ist ein lustiges peruanisches Paar da, das in „modernisierter traditioneller“ Kleidung Tänze aufführt, die sie mit dem Handy filmen, während selbiges mit knarzigen Lautsprechern die passende Musik dazu abspielt. Ich schaue mir noch eine kleine, aber prachtvoll geschmückte Kirche neben dem Viewpoint an, dann geht es mit dem Bus zurück in die Stadt. Abends esse ich in „The Pasta Canteen“ herrliche Pasta mit Pesto. Einfach, aber hervorragend umgesetzt - was will man mehr von einem guten Abendessen.
Colca Canyon
Was für ein brutaler Morgen! Ich habe mir eine zweitägige Wandertour durch den Colca Canyon gebucht. Offiziell soll ich zwischen 3:00 h und 3:20 h früh abgeholt werden - selbstverständlich stelle ich den Wecker so knapp wie möglich, damit ich meine Schlafzeit maximieren kann. Außerdem hatte ich bei den vergangenen Touren ja immer das Glück, als Letzte abgeholt zu werden. Aber nein, diesmal nicht. Um 2:50 h klopfen sie an meine Zimmertür, dass der Reiseanbieter schon vor der Tür steht. Na toll, gleich mal mit Stress anfangen…
Regnen tut es natürlich auch wieder.
Zunächst sitze ich alleine im Bus, doch kurz danach steigt ein Deutscher dazu - Nils. Wie sich herausstellt, kommt er auch aus der Nähe von Düsseldorf und ist ebenfalls Paraglider! Schicksalhafte Fügung würde ich sagen - die Paragliding-Community ist ja wirklich nicht groß, erst recht nicht in NRW. Stück für Stück füllt sich der Bus bis auf den letzten Platz mit Peruanern, die alle eine deutlich simplere Ausrüstung tragen als wir. Ihre Klamotten sehen auch nicht wandertauglich aus. Letztlich stellt sich heraus, dass die anderen auf einen Tagesausflug zum Canyon fahren und überhaupt nicht wandern und Nils und ich die Einzigen sind, die die zweitägige Wandertour machen. Wie gut, dass wir uns gut verstehen!
Erster Stopp ist der Mirador de Patapampa, von dem aus wir einen spektakulären Blick auf die Vulkane der Anden haben. Es ist fast wolkenfrei und die Sonne ist gerade erst am Aufgehen, was ein schönes Licht auf die Vulkankette wirft. Arequipa ist umgeben von Berg-Giganten, die leicht mal 6.000 m erreichen. Irgendwie ein witziges Gefühl, wenn ich mir überlege, dass ich vor einigen Monaten mit großem Kraftaufwand den Kilimandscharo hochgestiegen bin, wo es keinerlei Infrastruktur gab, und nun stehe ich hier auf 4.910 m an einer gepflasterten Straße und steige auf dem Parkplatz einfach aus einem Touri-Bus aus.
Nach einem weiteren kurzen Stopp für Frühstück geht es dann zum Cruz del Cóndor. Der Colca Canyon ist einer der besten Orte weltweit, um Kondore zu sehen. Sie sind die größten Vögel der Welt und haben eine Spannweite von ca. 3 Metern. In freier Wildbahn können sie bis zu 50 Jahre alt werden! Hier am Cruz del Cóndor stehen die Chancen sehr gut, welche zu sehen, da sie nah an den Bergen fliegen, um Thermik abzupassen. Doch leider haben wir heute kein Glück, da es wohl auch nicht die beste Saison für Kondore ist. Aber wir haben ja auch noch zwei Tage Zeit, sie zu sehen.
Als Nächstes werden wir zwei von einem separaten Mini-Van in einem vermeintlichen Vorgarten in einem Dorf abgesetzt. Hier treffen wir Rafael, unseren Guide. Er ist kaum größer als ich, pummelig und 57 Jahre alt. Er ist seit über 30 Jahren Guide hier im Colca Canyon. Ich möchte mir noch Wanderstöcke für die Tour leihen, da ich meine ja schon nach Tansania nach Deutschland geschickt habe. Rafael meint, ich solle auf jeden Fall die Bambusstöcke nehmen statt des modernen Profi-Equipments. Natürlich halte ich mich an seinen Rat :) when in Rome… Als ich meine alte Banane und die offene Chipstüte entsorgen will, meint er: „Nein, nein, gib die uns, wir sind arme Leute, wir essen das noch.“ Sofort fühle ich mich „humbled“ - was sich im Deutschen nicht gut übersetzen lässt. Aber sagen wir mal, mir wird erneut bewusst, wie gut es mir geht und wie privilegiert ich lebe, während andere unter einfachsten Verhältnissen leben.
Die Wanderung beginnt! Wir laufen von Rafaels Vorgarten aus los in den Colca Canyon hinein. Am heutigen Tag werden wir fast ausschließlich bergab laufen, bis in den Grund des Canyons. Das Wetter ist perfekt! Der Himmel ist klar und die Sonne scheint prall auf uns herab. Ich habe schon viele Gruselgeschichten über Colca gehört. Ausgesetzte Wege, tiefe Abgründe, große Anstrengung, verschiedene Gefahren. Insgesamt kann ich das nicht bestätigen. Ich genieße den Weg in den Canyon hinunter und die Traum-Ausblicke, die wir auf dem Weg haben. Klar geht es neben den Wegen steil bergab. Aber die Wege als solche sind breit und gut gepflegt. Natürlich ist es auch schön, einen Weggefährten zu haben, mit dem ich mich hervorragend verstehe. Nils und ich unterhalten uns ununterbrochen und wir genießen gleichermaßen die Ausblicke. Rafael verflüchtigt sich zwischenzeitlich: „I will be back in 4 minutes, I will quickly do a phone call and book the hotel.“… Zwei Stunden später sehen wir ihn wieder :D
Nach einer Weile überqueren wir eine riesige Hängebrücke, die einen großen Warnhinweis hat, dass man nur mit einer bestimmten Anzahl an Leuten gleichzeitig auf der Brücke sein darf. Unter der Brücke rauscht ein reißender Fluss mit brauner Brühe. Hier möchte ich nicht reinfallen!
Der Perspektivwechsel ist spannend. Als wir oben auf dem Plateau des Canyons losgegangen sind, wirkte alles so unendlich weit weg. Der Fluss wirkte wie ein Rinnsal und die Dörfer auf der gegenüberliegenden Seite des Tals weit entfernt. Je weiter wir absteigen, desto mächtiger und gefährlicher wirkt der Fluss. Die Dörfer sind irgendwann „über uns“ statt „unter uns“ und die Felswände hinter uns wirken fast erdrückend. Alles ist grün und schön bewachsen, doch es gibt auch große kahle Felswände. Als wenn hier ganze Teile des Berges abgesplittert wären. Rafael kann es nicht so recht erklären. Es wäre immer schon so gewesen, meint er. Naja. Vielleicht sollte ich da noch mal wissenschaftlicher nachrecherchieren :D
Nachdem wir den Fluss überquert haben, müssen wir ca. 20 Min. steil bergauf laufen. Unterwegs pflückt Rafael Kaktusfeigen und normale Feigen für uns. Außerdem gibt es überall gigantische Avocadobäume. Leider hängen die Avocados zu hoch, um eine zu pflücken. Es ist eine richtige Obst- und Gemüseoase hier. Nachdem wir zwischen schattenspendenden Avocadobäumen einen kleinen Kioskstand passiert haben, wo ein älterer Mann Getränke und Snacks von einem kleinen Tischlein verkauft und wir natürlich sein Business tatkräftig unterstützt haben, kehren wir zum Mittagessen ein. Rafael pflückt noch schnell einen Granatapfel vom Baum der Gastgeberfamilie mit dem Kommentar „in Peru, fruit is for free“ :D Dann gibt es köstliches Essen.
Es ist ganz schön heiß und ich lege noch mal Sonnencreme nach und zippe meine Hosenbeine ab. Dann geht es weiter. Durch die drei kleinen Dörfer hindurch und stets den Blick auf die Bergseite, an der wir heute Vormittag noch 1.300 m abgestiegen sind. Irgendwann dreht sich das Wetter. Es ziehen große und ziemlich dichte Wolken über den Bergen auf. Die Wolken scheinen es ernst zu meinen und man hört es schon grollen. Also legen wir einen Gang zu. Unterwegs kommen wir an einer gelben Gesteinswand vorbei. Etwas später auch an einer lila Gesteinswand. Woher die Farben kommen bzw. welche Mineralien sie verursachen, müsste ich noch mal recherchieren. Jedenfalls ist es schön und abwechslungsreich.
Der letzte Abschnitt des heutigen Tages steht bevor. Es geht noch mal stark hinunter, was uns plötzlich in eine Art tropische Klimazone bringt. Wir kreuzen erneut den Fluss, diesmal an einer viel schmaleren Stelle und einem engeren Tal-Punkt. Da ist er auch schon - der Regen - und prasselt auf uns ein. Schnell den Poncho übergeworfen und den Rucksack in die Regenhülle verpackt, dann geht es noch mal ein Stück bergauf zu unserer Unterkunft für heute - „Die Oase“. Es ist ein Hotel mit Pool, Restaurant und tollem 360-Grad-Ausblick auf die Berge um uns herum. Es fühlt sich fast so an, als ob uns die Berge umarmen würden. So nah sind wir an ihnen dran. Zum Glück war der Regen nur sehr temporär und hat sich schnell wieder verzogen. Nun haben wir wieder klare Sicht.
Unsere Zimmer sind kleine, einfache Holzhütten auf einer großen Wiese. Ziegen tummeln sich davor :D Es ist einfach und es gibt viele Spinnen, aber es ist sauber und reicht vollkommen. Wir bekommen sogar noch einen Geheimtipp von Rafael! Wenn man quer über die Wiese läuft und hinter das Wohnhaus der Gastgeberfamilie hochsteigt, findet man dahinter drei Duschkabinen, die warmes Wasser haben! Warm duschen!! Was für ein Luxus!! Es hängen zwar offene Stromkabel aus der Wand, aber hey, wenn man sich von denen fernhält, ist alles in Ordnung. Die Dusche tut gut und während ich von der Terrasse des Restauranthauses aus beobachte, wie der Himmel sich leicht rosa färbt, sehe ich in der Distanz tatsächlich doch noch einen Kondor! Er ist ewig weit weg und für ein gutes Foto reicht es nicht. Aber das macht nichts aus. Es war ein toller Tag.
Mein Geburtstag
Es ist soweit! Es ist mein Geburtstag und ich bin offiziell 36 Jahre alt! Ich hatte mir bewusst die Tour auf meinen Geburtstag gelegt, damit ich ein besonderes Event auf der eh schon besonderen Reise habe :) Eine gute Entscheidung!…
Am Morgen geht es wieder brutal früh los! Um 4:10 h starten wir mit der Wanderung. OHNE Frühstück! Und dunkel ist es auch noch. Und dabei ist es doch mein Geburtstag!! Ich muss zugeben, ich fange an, wehleidig zu werden. Auch wenn ich jede einzelne Wandertour auf meiner Reise genossen habe, bin ich jetzt dann doch froh, dass dies meine letzte ist. Das frühe Aufstehen und ständige Steigen ist müßig und meine Knie sind über die Zeit ganz schön in Mitleidenschaft gezogen worden. Aber genug des Mäkelns, jetzt heißt es Aufsteigen!
In weniger als 3 Stunden steigen wir 1.300 m auf 5 km gestaucht hoch! Ein ganz schöner Kraftakt. Mein leerer Magen versteht sich nicht gut mit der Anstrengung und ich muss mich zwischendurch fast wieder übergeben. Aber ist ja nichts drin im Magen… Rafael scheint eindeutig wettbewerbsorientiert zu sein. Mehrmals zeigt er auf irgendwelche Gruppen in der Entfernung. „Look! Speedy Gonzales Group is coming fast“. Ja schön! Deshalb kann ich jetzt trotzdem nicht noch schneller wandern! Immer dieser Stress :D Zu allem Überfluss werden wir irgendwann von einem kleinen, schwarzen Hund überholt. Der saß gestern mit uns im Hotel, daher dachte ich, er würde dorthin gehören. Doch Rafael meint, er kommt aus dem Dorf und läuft jeden Tag mit den Gruppen ins Tal hinab und dann wieder hinaus, da er so Futter bekommt. Dann war der Hund also gar nicht moppelig, wie ich gestern dachte! Sondern er ist die fleischgewordene Hunde-Version von Hulk - ein echtes Muskelpaket. Naja, irgendwann sind wir dann also auch beim Eukalyptusbaum angekommen, der den Ausgangspunkt markiert. Ich bin glücklich, zufrieden und erleichtert zugleich, dass die Tour gemeistert ist. Außerdem hatte ich mit Nils die beste Gesellschaft, die ich mir hätte wünschen können :)
Nach einer kurzen Verschnaufpause laufen wir noch mal gute 2 km durch Felder und ein Dorf, bis wir im Zentrum von Cabanaconde sind. Neben dem schönen Marktplatz mit Kirche ist das Hostal, wo wir endlich Frühstück bekommen. Wir sitzen auf der Dachterrasse und genießen den tollen Blick über den Plaza de Armas. Natürlich gibt es die obligatorischen Pappbrötchen mit Marmelade und Butter. Aber dafür eine extra große Portion Rührei, Smoothie sowie Kaffee und Tee.
Irgendwann heißt es Aufbrechen. Ein Stück weiter die Straße hoch werden wir in einer engen Gasse von einem riesigen Reisebus abgeholt, der auch noch zwei deutsche Paare einsammelt (die sämtlichen Klischees entsprechen, die ich zu Deutschen habe) und viele Local-Touristen an Bord hat. Es geht zu den Hot Springs, die noch auf dem Programm stehen. Ich bin ziemlich müde, aber freue mich auf die Wellnesskur für meine inzwischen echt angestrengten Muskeln. Der Muskelkater ist jetzt schon spürbar.
Die Hot Springs liegen mitten an einem Fluss. Das Wasser wird durch die umliegenden Vulkane erhitzt und dann aus Quellen im Gestein (nicht aus dem Fluss) von der Badeanstalt in die verschiedenen Becken geleitet. Es wird noch etwas kaltes Wasser hinzugefügt, aber trotzdem ist es knackheiß. Fast schon zu heiß, da heute die Sonne wieder brennt und es sich somit hochpotenziert. Aber es ist trotzdem wundervoll erholsam und die Muskeln freuen sich.
Als Nächstes geht es zum Lunch, wo wir uns dann auch von Rafael verabschieden. Er ist mir heute etwas auf die Nerven gegangen, weil er uns ständig von einem Programmpunkt zum nächsten gescheucht hat. Aber ich bin zugegebenermaßen auch müde und da ist meine Zündschnur per se kürzer. Nils und ich geben ihm jeweils 7 € Trinkgeld für die zwei Tage, worüber er sich überschwänglich bedankt. Ein guter Reminder für mich, wie man mit kleinen Zuwendungen, die mir nicht wehtun, jemand anderem eine große Unterstützung sein kann.
Endlich geht es auf den Heimweg. „Endlich“ klingt schlimm. Aber es waren zwei wirklich lange Tage und ich freue mich darauf, im Bus zu schlafen. In Peru schauen sie wirklich immer darauf, dass man reichlich Programm für sein Geld bekommt. Manchmal würde mir da weniger auch reichen. Unterwegs halten wir noch mal am Rand eines Nationalparks, von wo aus man Alpaka und Lamas sehen kann. Dann kommen wir abends um ca. 18 h wieder in Arequipa an und ich laufe müde, aber überglücklich zu meinem alten Hotel. Leider muss ich noch mal in ein anderes Hotel umziehen - das ist mir in meinen tausend Buchungen irgendwie untergegangen. Aber macht nichts. Ich leiste mir ein Uber und damit muss ich nicht großartig laufen. Im neuen Hotel mache ich mich erstmal in Ruhe frisch und treffe mich dann später noch mal mit Nils für ein Abschluss- und Geburtstagsessen beim Italiener, der etwas versteckt in einer Seitenstraße des Plaza de Armas liegt und der hervorragende Pizza serviert. Ein schöner Abschluss für einen aufregenden Geburtstagstrip.
Panoramafahrt nach Nazca
Für um 5:15 h werde ich schon wieder abgeholt, um nach Nazca zu fahren. Es ist eine der längsten Reisen, die es bei Peru Hop gibt. Aber auch eine der sehenswertesten. Denn sie führt zunächst durch beeindruckende Berglandschaften, mit Blick in die Tiefe. Und dann stundenlang an der Küste entlang. Es ist wunderschön! Auch wenn ich bestimmt 4 der insgesamt 9 Stunden Fahrt verschlafe, weil ich so viel Nachholbedarf durch die letzten Tage habe.
Mittags machen wir noch einen Stopp an einem tollen Küstenrestaurant, wo es unheimlich gutes Ceviche gibt. Außerdem hat sich auf dem Weg hierher das Klima deutlich verändert. Während es in Arequipa noch reichlich geregnet hat, ist hier siedende Hitze angesagt. Eine willkommene Veränderung. Beim Mittagessen lerne ich ein paar Mädels aus unserer Bustour kennen - eine Deutsche, eine Holländerin und eine Engländerin. Natürlich muss die Deutsche gleich in den „Competition“-Modus mit den anderen gehen und raushängen lassen, wie viel sie doch schon gereist ist und was sie alles gesehen hat. Anstrengend. Ich weiß schon, warum ich mich möglichst von den Deutschen auf Reisen fernhalte…
Mit recht viel Verspätung kommen wir in Nazca an. Das Hotel wurde online definitiv von seiner schönsten Seite abgelichtet. In Realität fallen die Zimmer deutlich kleiner aus (mein Nachtkasten steht zur Hälfte vor der Badezimmertür) und am Pool sind nur drei Liegen, die dann auch noch mit Kabelbindern aneinandergebunden sind. Dafür gibt es einen gigantischen Essbereich. Wer da wohl alles essen soll?! Abends belagert eine deutsche Reisegruppe den Pool, also ziehe ich mich lieber in mein Kabuff von Zimmer zurück.
Da mein Magen immer noch nicht in Ordnung ist, tausche ich Abendessen gegen einen kleinen Spaziergang in Nazca Stadt und ein paar salzige Cracker mit Avocado. Nazca Stadt liegt mitten in der Steinwüste und hat nicht viel zu bieten. Es gibt einen Plaza de Armas, der aber sehr klein und einfach gehalten ist. Es gibt unheimlich viel Verkehr und die Leute sind eher rau im Umgang. Hier werde ich das erste Mal seit Langem von jemandem um Geld gebeten. Allerdings auch das auf die eher raue Art :D Es ist also nicht unbedingt der Ort, wo man viel Zeit verbringen will. Aber ich bin ja auch nicht lange hier. Hauptgrund für meinen Aufenthalt ist, dass ich morgen Mittag den Flug über die Nazca-Linien machen möchte.
Flug über die Nazca-Linien
Den Vormittag nutze ich, um ein paar administrative Dinge zu erledigen und um zu entspannen. Plötzlich tippt mich ein Hotelangestellter an: Ihr Shuttle zum Flughafen ist da. Wirklich? Ich soll doch erst in einer Stunde abgeholt werden?! Wenn es jetzt schon passt, sollte ich doch bitte jetzt schon mitkommen. Ok - also Planänderung. Es geht auf zum Flughafen, der winzig klein ist und wo recht unfreundlich Anweisungen gegeben werden. Ich muss mich wiegen, meinen Pass abgeben und an zwei verschiedenen Countern irgendwelche Gebühren bezahlen. Nach langer Warterei geht es los und wir steigen in eine kleine Maschine für 8 Personen (inklusive Piloten). Jeder bekommt je nach seinem Gewicht einen Platz zugewiesen und die Kommunikation verläuft über Kopfhörer.
Schnell stelle ich fest, dass ich hier 100 % aufmerksam sein muss. Denn die Sightseeingflüge gehören eher zur Kategorie Express-Tour. Der Pilot hat angekündigt, dass sie alle Figuren ansagen und sowohl von rechts als auch von links umfliegen werden, damit keine Seite zu kurz kommt. Als Hilfestellung, die Figuren zu sehen, richten sie den Flieger so aus, dass die Flügelspitze auf das Motiv zeigt. Guter Plan! Aber auch ganz schön anspruchsvoll für den Körper. In der ersten Kurve zieht der Pilot so rein, dass ich fast ohnmächtig werde! Es fordert meine ganze Konzentration, bei dem Druck auch noch das Tierchen im Sand zu sehen. An ein Foto ist erstmal nicht zu denken. Mit den weiteren engen Kurven geht es dann besser mit dem Bewusstsein, allerdings meldet sich dann schon die nächste Herausforderung: Übelkeit! Nach 15 Min. sitzen wir allesamt mit kleinen Wattebäuschen mit Wick VapoRup vor der Nase. Das soll angeblich helfen. Die Motive werden auch alle sehr schnell umflogen, weil dann schon das nächste Motiv ansteht. Also eindeutig keine Kaffeefahrt!
Abgesehen von den kostenlosen Stuntflug-Einlagen sind die Nazca-Linien als solche schon sehr eindrucksvoll. Es ist bis heute unklar, mit welcher Absicht sie gezeichnet und wie sie geplant wurden. Einige sagen, es ist als gigantischer Tempel zu verstehen, um die Götter zufriedenzustellen. Andere sagen, es ist ein astronomischer Kalender. Man vermutet, dass sie aus der Zeit von 500 v. Chr. bis 500 n. Chr. in den Sand gescharrt wurden. Vom Stil her sind die Figuren immer gleich, aber sie erstrecken sich über bis zu 150 m Länge. Der Grund, warum sie so gut erhalten sind, liegt an den klimatischen Bedingungen. Es ist immer trocken in dieser Region und mehr oder weniger windstill. Daher sind die Figuren geblieben, obwohl sie gar nicht tief in den Boden gescharrt sind, wie ich später am Nachmittag von einem Aussichtsturm aus sehen kann.
Es war auf jeden Fall ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Trotz Übelkeit habe ich auch ein paar Fotos machen können und so kann ich beseelt den Nachmittag entspannt im Hotel verbringen, bis mich der Bus abholt. Next Stop: Huacachina
Huacachina - das Partydorf mitten in der Wüste
Abends um ca. 20 h kommen wir in Huacachina an. Eine wirklich winzige Stadt mitten in der Wüste. Oase trifft es wohl besser, da sich ein Wasserloch in der Mitte befindet. Ich hörte schon, dass es klein ist. Aber dass es SO klein ist, hätte ich nicht gedacht. Da ich nicht in den Partyhotels wohnen wollte, habe ich mir ein Glamping-Hotel rausgesucht. Es liegt mitten an der Düne und ich habe ein geräumiges, festes Zelt mit zwei Betten drin. Einfach, aber sauber und passend zum Umfeld. Einen tollen Pool gibt es auch und diesmal keine Touri-Gruppen, die ihn vereinnahmen.
Abends drehe ich noch eine Runde und laufe einmal um die Wasseroase herum. Ich glaube, es dauert kaum 30 Minuten, bis ich wieder zurück bin. Insgesamt laufen nur wenig Leute umher und auch echt ein paar merkwürdige Gestalten. Dafür scheint es in den meisten Hotels bis spät in die Nacht wilde Partys zu geben. Auch eine Art, die Wüste populär zu machen.
Am nächsten Morgen stehe ich zeitig auf, da ich auf die Düne gegenüber von meinem Hotel hochklettern möchte. Zum Sonnenaufgang schaffe ich es zwar nicht (ich bin nach wie vor kein Early Bird), aber zumindest bin ich so früh dran, dass außer mir eigentlich keiner unterwegs ist. Ich genieße die Stille und Einsamkeit auf dem Gipfel der Düne und natürlich den Blick auf die Oase hinunter. Wunderschön.
Wüsten-Buggy und Sandboarding
Nach einer eher unspektakulären Pisco-Sour-Tour am Mittag, die es nicht wirklich gebraucht hätte, geht es nachmittags zum Dünenboarding und Sand-Buggy-Fahren. Mit jeweils 9 Personen plus Fahrer pesen wir im offenen Buggy durch die Wüste. Nach einem sehr ausgedehnten Fotostopp, der für mein Empfinden gerne mehr fürs Fahren hätte genutzt werden können, geht es zu drei Dünen, wo wir jeweils auf dem Bauch liegend auf einem Snowboard den Sand hinunterfahren. Wir steigern uns vom kleinen Hügel bis hin zum gigantisch großen Hügel. Die ersten beiden machen total Spaß. Beim dritten rutscht mir persönlich etwas das Herz in die Hose, weil es unglaublich steil und endlos lang ist. Aber nachdem alle anderen schon runtergefahren sind, ohne sich die Knochen zu brechen, und unsere Tourguides wie auf ein lahmes Pferd auf mich einreden, fahre ich also doch hinunter. Aber ich hacke meine Füße schön tief in den Sand - was die Geschwindigkeit drosselt :D Danach schauen wir uns noch den Sonnenuntergang an und trinken einen Shot Pisco. Es ist eine sehr schöne Stimmung und nicht mal die Chicken Farm im Tal stört mich, die die Romantik des Sonnenuntergangs etwas irritiert.
Insgesamt war die Tour toll, auch wenn man an der zeitlichen Aufteilung etwas optimieren könnte. Kaum zurück, müssen wir aber sprinten. Denn gleich geht schon der Bus! Keine Zeit für Abendessen :( Also nur noch ein paar Snacks für den Bus schnappen und los geht’s.
Paracas
Spät abends kommen wir in Paracas an - eine kleine Stadt, die mitten am Meer liegt. Der Hauptgrund, hierherzukommen, sind die Islas Ballestas und der nahegelegene Nationalpark. Die Islas Ballestas gelten als „Mini-Galápagos“. Und der Nationalpark bietet hauptsächlich tolle Blicke auf die Küste und hat schon in verschiedenen Filmen als Drehort gedient.
Doch erstmal gehen wir abends zu viert noch etwas essen. Die Tourguidin Deborah, ein Inder, der nicht aufhört, Fragen zu stellen, und ein Franzose, der Attitude und einen gewissen Hauch von „Égalité“ versprüht. Wir gehen in ein Local Restaurant für Pollo a la Brasa - also Brathähnchen. Klingt simpel, ist aber grandios zubereitet und nicht zu vergleichen mit unseren Brathähnchen in Deutschland. Es ist ein superlustiger Abend und immer wieder gesellen sich streunende Hunde zu uns, die hier und da ein Stück Hühnchen abgreifen.
Etwas, das mir insgesamt positiv in Peru und Bolivien aufgefallen ist, ist der Umgang mit Hunden. Sie werden nicht wie ein Haustier im klassischen Sinne verstanden - so wie wir es aus Deutschland kennen. Aber sie werden geduldet und gefüttert. Aus Asien kenne ich das ganz anders. Da sind die Hunde meist in schlimmem Zustand und haben Angst vor Menschen, weil sie geprügelt werden. Das ist hier nicht so. Ich habe nie gesehen, dass ein Hund getreten oder geschlagen wurde. Lediglich Hautkrankheiten scheinen hier sehr verbreitet zu sein. Einige Hunde könnten definitiv ein Floh- und Milbenbad gebrauchen.
Islas Ballestas
Am nächsten Tag geht es auf zur Bootsfahrt zu den Islas Ballestas. Es ist fürchterlich heiß, laut und es gibt wahnsinnig viel Gedränge. Was unter anderem auch daran liegt, dass Wochenende ist und somit auch viele lokale Touristen unterwegs sind. Die Bootstour ist ein ziemlicher Reinfall. Der Captain übersetzt nur ungern auf Englisch für uns vier „Internationals“ an Bord und nach 25 Minuten Anfahrt verbringen wir gerade mal 15 Minuten bei den Inseln. Überall wird nur superkurz gestoppt und plötzlich heißt es schon wieder Abfahrt. Ich bin enttäuscht und wütend und schweige mich den gesamten Heimweg über aus. Was gar nicht so einfach ist, während der weiterhin sehr neugierige Inder neben mir mühevoll versucht, eine Konversation mit mir ans Laufen zu bringen, indem er mir 100 Fragen stellt, die er gefühlt aus einem Fragenkatalog entnommen hat.
Anschließend musste ich mich erstmal von der Gruppe abseilen, um in Silencio und alleine einen guten Kaffee in einem tollen Café zu trinken, um wieder runterzukommen. Auch einen sehr leckeren Brownie habe ich mir gegönnt. Das Ganze hat mich wieder versöhnt! Danach sind wir noch mal gemeinsam in ein tolles Fischrestaurant gegangen, wo ich köstliches Ceviche und frittierte Fischstücke hatte. Gutes Essen hatte ich also reichlich!
Am Nachmittag fahren wir noch in den Nationalpark, bevor wir uns auf den Weg nach Lima machen. Die Blicke auf die Küste sind toll und ich wünschte, ich hätte etwas mehr Zeit hier. Die letzten Tage in Peru sind nun doch etwas gedrängt und es wäre schön, wenn ich noch ein paar Tage Ruhe dranhängen könnte. Aber ich bin dankbar für alles, was ich mitnehmen kann.
Lima
Spät abends geht es nach Lima - meinem letzten Stopp, bevor es zurück nach Deutschland geht. Es ist Samstag UND Valentinstag, weshalb die Stadt brechend voll ist und wir sehr lange im Stau stehen. Valentinstag hat hier einen sehr hohen Stellenwert und für Peruaner ist es scheinbar sehr wichtig, in einer Beziehung zu sein, wie ich es von meiner Tourguidin mitbekomme, die recht darunter leidet, dass sie keinen Freund hat.
Kurz nach 23 h komme ich in meinem Hotel an und bin überglücklich, dass ich mir zum Abschluss noch mal ein richtig schönes Hotel geleistet habe. Preis-Leistung ist auf jeden Fall top! Es gibt ein tolles Bett, ein schön gefliestes Bad, reichlich heißes Wasser mit tollem Wasserdruck und superfluffige Handtücher. Was kann es Schöneres geben nach einem langen, verschwitzten und gehetzten Tag :) Um den Tag schön ausklingen zu lassen, gehe ich noch zu McDonald’s und hole mir ein Menü for Take-away, das ich dann in meinem schicken Hotelzimmer genieße, während ich irgendeine Kochshow schaue. Toll :)
Miraflores
Mein Hotel liegt in Miraflores - einem der schönsten und vor allem sichersten Viertel in Lima. Ich habe viel über die Sicherheitslage in Lima gehört und dass man hier nicht mal beim Spazieren sein Handy rausholen sollte, da einem die Taschendiebe das Handy aus der Hand wegklauen. Selbst beim Telefonieren! Also lasse ich alles außer meinem Handy, meiner Bankkarte und ein bisschen Kleingeld im Hotel, als ich mich auf meine Sightseeingtour begebe.
Lima ist ein krasses Kontrastprogramm zu Cusco. Es ist hypermodern - mit Hochhäusern, Shoppingmalls, breiten Straßen, Finanzviertel und Expats. Letztlich wie jede andere Großstadt… bloß, dass sie mitten am Meer liegt!
Es ist unglaublich heiß, doch vom Hotel bin ich inzwischen zu weit entfernt, also hoffe ich darauf, dass meine Tagescreme mit LSF mich nicht im Stich lässt. Ich laufe erst zu einem nahegelegenen Park, dann ins Finanzviertel hinunter zu einer offenen Shoppingmall mit Restaurant- und Café-Ketten wie Häagen-Dazs und Starbucks und laufe dann lange an der Küste entlang, von einem Park zum nächsten. Unten am Fuße der Klippe sind endlos viele Surfer im Wasser, die auf die perfekte Welle warten. Auch an einem Paragliding-Startplatz komme ich vorbei. Doch der Wind ist zu stark und so ist Startverbot. Im Parque del Amor mache ich ein bisschen Pause. Wie der Name schon sagt, ist der Park den Liebenden gewidmet und er ist wunderschön mit Mosaiken verziert. Er erinnert mich an den Park Güell in Barcelona! Es gibt auch eine große Statue eines liebenden Pärchens.
Danach laufe ich weiter zum Parque Chino. Er ist wie ein chinesischer Garten aufgebaut, inklusive Pagode, kleinem Koiteich und einer Steinbrücke. Etwas weiter gibt es einen größeren, rund angelegten Platz, zu dem ich heute Abend für den Sonnenuntergang noch mal wiederkommen werde.
Doch erstmal heißt es Pause einlegen. Auf dem Heimweg besuche ich noch ein hübsches Café, wo ich sowohl die Klimaanlage genieße als auch endlich Café Bombon probiere - was ich mir schon seit Wochen vorgenommen hatte: ein Espresso mit zähflüssiger Kondensmilch und Milchschaum. Ein Zitronentörtchen mit Baiserhaube gönne ich mir auch. Die letzten 24 Stunden will ich es mir schließlich noch mal richtig gut gehen lassen!
Nach einer Pause im Hotel ziehe ich zu einem Fischrestaurant los, das unzählige Preise gewonnen hat und total süß dekoriert ist. Hier bekomme ich mal wieder Special Attention als Einzelgast, wie an vielen Orten, die ich besucht habe. Der Restaurantbesitzer macht mir Causa mit Avocado und Thunfisch als Vorspeise und danach gibt es ein Dreierlei: Ceviche, frittierte Fischwürfel und Meeresfrüchterisotto. Köstlich. Ich bin rundum satt und mache mich anschließend auf den Weg zum Sonnenuntergang.
Es ist mein letzter Abend in Peru und mein letzter Abend der großen Reise. Ein komisches Gefühl. Ich kann mich nicht gut mit dem Gedanken anfreunden, ab morgen wieder im kalten und missmutigen Deutschland zu sein. Am liebsten würde ich einfach dauerhaft weiterreisen und die Welt entdecken. Ich mag mir noch gar nicht vorstellen, wie es wieder wird, wenn der Alltag zu Hause einsetzt. 46 Wochen im Jahr arbeiten, um 6 Wochen verreisen zu können. Die Ratio erscheint mir klar im Ungleichgewicht zu sein. Aber eine Alternative sehe ich auch nicht. Ich hoffe, dass mir irgendwann eine Eingebung kommt….
Die Sonne geht wie ein Feuerball am Himmel unter. Zwischendurch gesellt sich noch ein amerikanisches älteres Ehepaar zu mir, das jeden Winter nach Lima reist. Sie beziehen klar Position zu der politischen Lage in ihrem Land. Gleichzeitig glaube ich, sind sie etwas zu optimistisch, was mögliche zukünftige Szenarien angeht. Sie setzen darauf, dass die Navy und andere politische Institutionen einschreiten werden, falls „das Pferd im Krankenhaus“ zu wild wird. Ich wage das zu bezweifeln. Aber ich drücke der Welt die Daumen. Toi, toi, toi.
Danach fokussiere ich mich wieder auf mich und den Sonnenuntergang. Es war eine denkwürdige Reise und ich bin stolz auf alles, was ich mir erarbeitet habe. Von Tourroute über Finanzierung bis hin zur Umsetzung. Das macht mir so schnell keiner nach. Glücklich und traurig zugleich gehe ich zurück in mein Hotel, schlürfe noch den winzigen Pisco Sour aufs Haus, der inkludiert war, und verziehe mich dann zum Kofferpacken in mein Zimmer.
Abreise
Mit dem Bus geht es zurück zum Flughafen. Zeit Abschied zu nehmen, von den knapp 8 Monaten (Narren-)Freiheit. Ohne Arbeit, ohne soziale Verpflichtungen, ohne Sorgen über Dinge, die es eigentlich nicht wert sind

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